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Begehren und Beziehung

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 Schon länger kommen Menschen auf mich zu und fragen, ob es okay ist, jemand anderen zu begehren, wenn man in einer festen Beziehung steckt. Und natürlich auch die Frage: ist Sex mit jemand anderem als mit dem eigenen Partner/der eigenen Partnerin okay? Ändert die Dauer der Beziehung oder die derzeitige Beziehungssituation etwas an der Berechtigung dieser Gefühle oder Taten? Oder anders: ist man ein Beziehungsschwein, wenn man mit jemand anderem ins Bett geht? Sich in jemand anderen verliebt? Sich womöglich auch nicht entscheiden kann oder möchte?

Dreiecksbeziehungen, und seien sie auch „nur“ emotional, aber nicht in Taten, vorhanden, beschäftigen die Menschheit schon lange. Sogar in der Kunst und in der häufigsten Kunstform der Gegenwart – der Werbung – ist das Begehren von mehr als nur einem Menschen ein wichtiges Thema, über das es viele Auseinandersetzungsformen gibt. Ganz aktuell: der Römerquelle-Spot, bei dem zwei Frauen, ein Zimmerjunge und eine Flasche Mineralwasser eine aufregende Menage eingehen. Ganze Romane wurden über die Konsequenzen von Dreiecksbeziehungen verfasst, verfilmt und dann neu betrachtet, ebenfalls ziemlich aktuell: Anna Karenina mit Keira Knightley.

Schon seit 1974 macht Römerquelle mit dem Thema "Menage à trois" Werbung für ihr Wasser

Schon seit 1974 macht Römerquelle mit dem Thema „Menage à trois“ Werbung für ihr Wasser

Alle Werbungen von Römerquelle hier: http://derstandard.at/1148052?_slideNumber=1&_seite=

Es ist also gar keine neue Frage. Aber die Antworten haben sich im Lauf der Jahre massiv verändert und wenn man aktuellen Jugendstudien glauben darf, ist Fremdgehen das größte Verbrechen an einer Beziehung und das sind immerhin die Erwachsenen von morgen.

Ich will hier gar nicht versuchen, die Gründe von Treue und Untreue, den Wunsch nach Monogamie oder ähnliches zu erklären, das wurde und wird, ausreichend und vielfach erklärt. Demnach ist der Mensch biologisch gesehen zur Treue nicht wirklich gemacht, denn das Begehren selbst sei ja eine Form der „Natur“, menschliche Gene auf angenehme Weise zu verbreiten und in diesem Hormonrausch hätten „moralische“ Bedenken nun mal keinen Platz, weshalb es total unlogisch sei, sich Monogamie auch nur zu wünschen, denn die ist ja demzufolge „widernatürlich“. Das ist ein sehr ausgereiztes Feld, es gibt Dutzende, hunderte Artikel darüber und die Meinungen gehen so weit auseinander, wie es in solch einem ideologisch aufgeheizten Feld möglich ist.

Sich hingegen mit den Selbstzweifeln und den Ängsten zu beschäftigen, das ist viel wesentlicher in unserem Alltag. Dass Menschen selten nur eine einzige Person begehren, hat wohl jede/r schon mal erlebt. Dass man hingegen nur eine Person wirklich hingebungsvoll liebt und nur für eine „durch’s Feuer“ geht, das vermutlich auch. Trotzdem: warum decken sich diese beiden Pfade so selten? Warum kann man nicht nur eine/n lieben und daher auch nur eine/n begehren? Fakt ist: ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Es gibt Theorien. Eine davon, und das ist die naheliegendste, ohne sich auf einen Fachstreit einzulassen, ist die: eine längerfristige Beziehung erlebt nicht nur Hochs, sondern auch eine ganze Menge an Tiefs. Begehren hat etwas mit Hochs zu tun, nicht mit dem Alltag, sondern mit einer Art rauschhaftem Zustand, in dem die Hormone verrückt spielen, der Fokus weggeht von den Problemen und Gedanken, die man so den ganzen Tag mit sich rumschleppt hin zu nur einem Ziel: diese Person so nahe wie möglich an sich zu spüren und alles zu tun, was einem gerade einfällt, ganz ohne kognitive Beschäftigung, einfach nur Sein, nur Spüren – im Jetzt sein. Beziehungen sind höchst selten im Jetzt – ganz zu Beginn nämlich und da ist das Begehren auch naturgemäß am Stärksten. Sobald es um die Zukunft geht, ist der Kopf ganz voll von Plänen, Wünschen, Träumen und man versucht, die eigenen Visionen mit denen des Gegenübers auf einen Nenner zu bringen. Und nach einiger Zeit, in der es zuerst ums Jetzt und dann ums Morgen und dann plötzlich um in einem Jahr ging, geht es plötzlich ums Gestern und um letzte Woche, als … – das sind die Momente, wo Begehren schwierig wird, wo man es sich vielleicht sogar „erarbeiten“ muss, weiter zusammen zu sein. Und wenn man in genau so einem fragilen Moment jemanden trifft, der einen „Schalter“ an einem selbst kennt oder spürt – wer war da nicht schon mal kurz davor oder sogar mittendrin, schwach zu werden? Oder stark zu sein und zu tun, sich zu holen, was man so sehr vermisst hat.

Jetzt ist es also passiert und nun: ist man der Täter/die Täterin, denn auch das ist gesellschaftlich ziemlich klar verteilt: der, der fremd geht, ist schuld, wenn die Beziehung nun zerbricht. Doch, was, wenn es dieses Täter-Opfer-Schema gar nicht geben müsste? Wenn es einfach Teil der Geschichte dieser Menschen ist, diese Dinge zu tun und wenn es nicht hilft, sie als Fehler zu betrachten, sonder vielmehr als Anlass, um nachzudenken. Vielleicht auch, um die Beziehung tatsächlich in Frage zu stellen. Denn daran gibt es kaum Zweifel: es hat etwas mit der Beziehung (die ja auch eine sexuelle Beziehung ist oder sein sollte, jedenfalls gehört das zur Vision einer Beziehung: ich begehre dich für immer) zu tun, wenn jemand anderer plötzlich so viel interessanter ist.

Und wenn nun jemand bis hierher gekommen ist und sich denkt: was will die sagen? Dann ist die Antwort: Schuldgefühle bringen niemandem etwas. Kurzschlussreaktionen à la „ich bin fremdgegangen, deswegen verlasse ich dich jetzt“ können verdammt weh tun und man hat nichts mitgenommen. Die Antwort lautet: mach dich doch nicht fertig. Wir sind Menschen und ich glaube, ein Mensch zu sein, kann ein erstrebenswerter Zustand sein. Menschen, die die Wahl haben, machen Fehler. Und sich zu verteufeln oder sich verteufeln zu lassen, bringt niemanden weiter. Reflexion ist also angesagt: warum ist mir das passiert? Ist es „passiert“ oder wollte ich es so? Und wieso wollte ich es so? Diese Reflexion alleine anzugehen, ist für manche Menschen sehr schwierig, deswegen zwei Vorschläge:

1. Einfach einen Therapeuten/Berater aufsuchen. Auf die soeben gestellten Fragen, also vor allem die Frage nach der Motivation, dem Auslöser, findet man innerhalb von 3, 4 Sitzungen eine Antwort. Was man mit der Erkenntnis macht, ist dann etwas anderes und könnte zum Beispiel darin münden, eine/n Paartherapeut*in aufzusuchen.

2. Es gibt Bücher zum Thema. Jemand, der sehr unaufgeregt schreibt und lebenspraktische Hinweise gibt, ist Ulrich Clement, der schon mit „Guter Sex trotz Liebe“ Aufsehen erregt hat und mit „Wenn Liebe fremd geht“ zum Thema nachlegt. Mittels „Ausschlussverfahren“ und eben einer Art angeleiteter Reflexion sollte man schnell einen Hinweis finden. Dann kommt dann evtl doch wieder Vorschlag Nr. 1 in Betracht.

Noch zur Frage „Gestehen oder nicht?“, die ebenfalls ganz häufig Thema ist: das muss jede/r für sich entscheiden. Die Grundregel ist: bringt es der Beziehung etwas, wenn man beichtet? Oder entlastet es bloß das eigene Gewissen und die Beziehung nimmt Schaden, ohne dass man das wollte? Auch darüber kann man sich mit einer anderen Person gut unterhalten.