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Timing

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Eine häufige Frage, die Menschen sich grundsätzlich immer wieder stellen und die auch Thema in Sexualberatungen bzw. sexualpädgogischen Workshops ist, lautet: wie weiß ich, dass er/sie will? Und eine andere, recht ähnliche: wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um einen Schritt weiterzugehen? Oder anders: wie weiß ich, ob der Schritt, den ich gerade tun möchte, zu viel oder zu wenig oder vielleicht sogar gerade richtig ist?

Die häufigste Antwort ist dann, wenn man zum Beispiel einen Freund oder eine Freundin fragt: das spürst du dann. Ist auch die häufigste Antwort auf: wie weiß ich, dass es Liebe ist? Wann ist der Zeitpunkt für’s erste Mal (das ist die mit Abstand häufigste Frage bei Jugendlichen!)? Wie weiß  ich, ob eine Beziehung an ihrem Ende angelangt ist? Wie weiß ich, ob ich bereit für Kinder/Zusammenziehen/Heiraten bin?  Und so korrekt diese Antwort ist (sie kommt ja nicht von ungefähr, sondern speist sich aus dem persönlichen Hintergrund und aus den Erfahrungen der Person, die da bereitwillig antwortet), so hilflos ist die fragende Person, wenn sie mit dieser Reaktion leben muss und daraus vielleicht etwas basteln soll. Denn die Grundfrage ist ja: WIE und WO spürt man, dass/ob es richtig ist, was man da tun möchte?

Es gibt jetzt viele Möglichkeiten, wie man die Beantwortung der Grundfrage angeht. Eine ist, zu hinterfragen, warum Menschen ihre Gefühle in Zweifel stellen. Eine andere, ein paar anatomische und organische Antworten zu geben. Und wieder eine andere, zur Grundantwort – das spürst du schon – zurückzukehren.

Ich – und mit mir viele TherapeutInnen und BeraterInnen – bin der Ansicht, dass Menschen wissen, was sie wollen. Sie wissen, was sie fühlen und sie wissen auch, in welcher Intensität sie die Dinge herbeisehnen. Also wäre die erste Antwort, die niemand hören will: du weißt, was du willst! In dir ist die Antwort längst da. Sie äußert sich durch deine Frage. So viel zur Tiefenpsychologie.

Instanzenmodell nach Freud

Die Grafik verdeutlicht, was ich damit meine und spricht gleich noch eine Ebene an: die der Außenwelt, also der Normen und Werte. Will heißen, alle Fragen im Bezug auf Beziehung und Sexualität sind durch die Gesellschaft, in der wir leben, (mit)bestimmt und haben in der sozialen Realität, durch die wir geprägt wurden, einen hohen Stellenwert in unserem Empfinden und Erleben – auch oder vielleicht sogar besonders dann, wenn wir es nicht so empfinden (möchten)!

Für besonders Interessierte: Sozialisation (vgl. Pierre Bourdieu: „Sozialisation ist akkummulierte Geschichte.“)

Wir sind also Teil dieser Gesellschaft und reproduzieren durch unsere Gedanken und Gefühle, was wir erlernt haben. Im Bezug auf Sexualität ist diese Prägung eine besonders vielschichte und widersprüchliche. Während in den letzten Jahrhunderten die romantische Liebe überhaupt erst entstand, hat sich die Befreiung des Körpers von den Zwängen der Kirche und der gesellschaftlichen Anforderung der Triebbeherrschung erst in den letzten Jahrzehnten zu vollziehen begonnen. Und auch wenn manche Sexualwissenschaftler die sexuelle Revolution als nicht ungefährlich für die Lust (die ja auch durch das Verbotene angestachelt wird) sehen (vgl. Volkmar Sigusch – Die neosexuelle Revolution), so denke ich, dass die Wahrnehmung der Sexualität und der körperlichen und seelischen Bedürfnisse zu den wunderbarsten Entdeckungen des 20. und 21. Jahrhunderts gehört – wir fühlen und das ist gut so!

Worauf will ich hinaus? Ich möchte sagen, dass wir immer schon wussten, was wir wollten. Und dass die Gesellschaft, die Kirche, die Normen und nicht zuletzt wir selbst uns verboten haben, zu empfinden, was nun mal da war: sei es Lust oder eben keine Lust (das ist noch immer tabuisiert, vor allem bei Männern), sei es das Begehren des eigenen Geschlechts, Selbstbefriedigung, Fetisch oder die Freude am Partnertausch. Durch das Verbieten entstand eine Schwelle und diese Schwelle wird durch Sozialisation weitervererbt. Wir lernen, uns zu beherrschen. Es gibt Wissenschaftler, die der Ansicht sind oder waren, dass diese Selbstbeherrschung Teil des erwachsenen Ichs ist.

Was also müssen wir tun? Wir müssen uns fühlen trauen! Wir brauchen inzwischen Mut, um unsere Gefühle wahrzunehmen. Ein Outing, nur als Beispiel, ist die Akzeptanz von Gefühlen. Und es beginnt in sich selbst. Ein Outing beginnt nicht damit, dass man anderen sagt, was man empfindet, sondern dass man es in sich fühlt und dann danach handelt. Und so gesehen, ist jede sexuelle oder emotionale Handlung, wie ein Kuss oder eine Berührung eine ist, ein Outing. Eines, das in einem selbst und dann erst mit jemand zweitem stattfindet.

Wir brauchen also nicht nur Mut, sondern auch Zeit. Und „hör auf deinen Bauch“ ist kein schlechter Ratschlag. Wieder zur Grundfrage: wo und wie spürt man, was passt? Also, im Bauch ist unser zweites Hirn. Der Darm besteht aus einer gigantischen Anzahl von Nervenzellen und in ihm machen sich Emotionen besonders dann bemerkbar, wenn wir gerade dabei sind, sie zu verdrängen.

Im Bezug auf Sexualität gibt es noch einen zweiten, besonders hilfreichen Partner – das Wort Sexualität leitet sich vom lateinischen sexus ab: das bedeutet Geschlecht. Unser Geschlechtsorgan weiß also ziemlich genau, ob und wie viel und worauf wir gerade Lust haben. Dabei sind die tatsächlichen körperlichen Reaktionen (wie eine Schwellung oder ein Feuchtwerden) eher zweitrangig. Lange, bevor wir eine körperliche Auswirkung der Situation wahrnehmen, gibt es ein Gefühl im Geschlechtsorgan. Es ist so eindeutig, dass man es nicht erklären muss – selbst Kinder wissen genau, was dieses bestimmte Kribbeln zwischen den Beinen bedeutet. Nur dass sie darauf reagieren und Erwachsene tun das nicht. Und weil Erwachsene es ist nicht tun – sie verschieben ihre Lust – verlernen einige von ihnen, ihre Gefühle wahrzunehmen und eindeutig einzuordnen.

Um das – bevor der Artikel ein Buch wird – deutlich zusammenzufassen: wir wissen, was wir wollen und wir wissen auch, wann und in welchem Umfang wir etwas wollen. Ein guter Hinweis auf Situationen, in denen das Timing in Frage gestellt wird (und meist sind es eben die gesellschaftlichen Anforderungen und/oder das eigene Selbstwertgefühl, das uns abhält), ist: wenn alles in dir JA sagt, dann ist es JA. Wenn einiges JA und irgendetwas  NEIN sagt, dann ist es NEIN. Wir alle kennen das. Und trotzdem folgen wir dem Gefühl nicht.

Und in diesem Fall bedeutet Back to the roots: zurück zu den Ursprüngen unserer Gefühle. Als Kinder wussten wir, was wir wollten. Also holen wir es doch wieder raus!