Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Sexual- und Paarberatung

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Sexual- und Paarberatung

Ab sofort bieten wir als Verein Beratungen an.

Ab sofort bietet unsere Obfrau Sara Mayer-Mraz als Lebensberaterin in Ausbildung unter Supervision Beratungsstunden für Einzelpersonen, Paare und andere einander nahestehende Personen (throuples, enge Freundschaften, WG-Bewohner*innen, …) zum reduzierten Tarif von 30 Euro pro Stunde (Erstgespräch € 5,–) an.

Schwerpunktthemen:
* Alternative Beziehungsformen
* ALGBTIQ*-Beziehungen und Outingprozesse
* Außenbeziehungen
* Identitätsfindungsprozesse
* Berufsorientierung und Studienwahl
* Prozesse des Abschließens und Loslassens, des Neubeginns sowie
* Erziehungsthemen.

Sie finden in entspannter, respektvoller Atmosphäre eine Gesprächspartnerin auf Augenhöhe. Die Anerkennung aller noch so widersprüchlichen Gefühle, die Möglichkeit, Dinge aus einer neuen Perspektive zu betrachten und ein lustbejahender, lebensfroher Zugang sind die Kennzeichen einer Beratung bei Sara Mayer-Mraz.

Rufen Sie an, schreiben Sie ein Mail. Wir bieten auch kurzfristige Termine an! Gemeinsam finden wir im Erstgespräch heraus, was die aktuellen Themen in Ihrem Leben sind und ob eine Beratung Sinn macht und helfen kann. Fragen kostet nix + beim Reden kommen die Leut‘ zam!

Angesprochen: Ausgesprochen! Plakatkampagne an Wiener Schulen

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Angesprochen: Ausgesprochen! Plakatkampagne an Wiener Schulen

Auch wenn der Anlass nicht brandaktuell ist, das Thema LGBTIQ an Schulen ist es allemal.

 

Die Hintergründe: Der Verein Ausgesprochen: Schwule, lesbische, bi, trans & inter Lehrer*innen in Österreich, hat eine Plakatkampagne entworfen. Die Plakatsujets, fünf an der Zahl, wurden in einer Auflage von 3500 Stück an 700 Wiener Schulen verschickt. Bereits letztes Jahr erarbeitet und angekündigt, wurde die Umsetzung in Folge zahlreicher Proteste verzögert, unter anderem vom Elternverband und dem katholischen Familienverband.

Es wurde unter anderem eine Petition mit dem Namen ‚Keine Gender-Indoktrinationsplakate in Wiener Schulen!‘ initiiert, die es schaffte fast 9.000 Unterschriften zu sammeln. Man warnt davor, dass durch die Kampagne „hinter dem Rücken der Eltern die Schüler sexualpädagogisch verwirrt und indoktriniert werden“. Es werde die „Idee des Gender Mainstreaming propagiert“.

Hierzu eine kurze Erläuterung: Die Plakate wurden an die Direktionen der 700 Schulen ausgeschickt, mit der Absicht vor allem Lehrer*innen für LGBTIQ Themen im Schulalltag zu sensibilisieren. Es unterliegt der Schulautonomie, ob und wie die Plakate in die Praxis einfließen, es besteht kein Zwang zur Umsetzung. Als Reaktion auf Kritik wurden Workshops für Lehrer*innen abgehalten, um die Sujets in einen Rahmen einzubetten und pädagogisches Werkzeug zu ihrer möglichen Umsetzung zu liefern.

Es ist problematisch wenn in diesem Kontext von „Propaganda“ und „Indoktrination“ gesprochen wird. Niemand wird zum Beispiel transident, wenn er* oder sie* in einem Workshop darüber lernt. Im besten Falle hilft es jungen Menschen, die so empfinden, dieses bereits vorhandene Gefühl zu benennen und sich selbst besser zu verstehen. Vielleicht kann es Leidensdruck lindern, Optionen aufzeigen, Wege bereiten zu einem glücklich(er)en Leben. Ganz sicher jedoch ist die Auseinandersetzung damit nicht die Ursache für das Gefühl.

Es geht nicht darum, etwas zu „bewerben“, nicht darum die Welt zu „homofizieren“ oder dergleichen. Vielmehr geht es darum, Realitäten zu benennen. Menschen, die (oft im Verborgenen) existieren, eine Stimme zu geben. Zu zeigen dass es „ok ist, so und so zu sein“. Nicht zu verwechseln mit „seid doch bitte auch so“. Klarer Unterschied.

Noch immer sind Selbstmordraten und psychische Krankheiten bei LGBTIQ Jugendlichen* bedeutend höher als bei ihren Altersgenossen*. Und NEIN, das ist nicht die Ursache für das Empfinden, sondern eine Folge von einer Reihen von Diskriminierungen. Das geht von nicht-gesehen-werden bis hin zu offener Gewalt. Mobbing von LGBTIQ Jugendlichen* ist Realität.

Es geht nicht darum, alles und jeden „toll“ zu finden. Es geht darum einen sicher(er)en Ort für unsere Kinder zu schaffen, wie auch immer sie fühlen, lieben und begehren mögen. Es geht um Respekt, um ein Miteinander, in dem Platz ist für Vielfalt. Große Worte. Kleine Taten wie die Plakatkampagne von Ausgesprochen: Ja bitte!

„Dürfen Behinderte Kinder kriegen?“

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Diese Diskussion wird in ähnlicher Form und von unterschiedlichen Menschen mit ganz verschiedenen Argumenten geführt. Nicht zuletzt durch die Geschichte der Behinderung bzw. des Umgangs mit Beeinträchtigungen hat die Diskussion immer den Duft der Euthanasie und kaum jemand ist nicht darum besorgt, etwas wie „unwertes Leben“ auch nur zu denken. Es ist gut, richtig und auch notwendig, sich dieser Geschichte bewusst zu sein und die daraus entstandene Verantwortung nach wie vor zu tragen.

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Auch die Betroffenen selbst leben – bewusst oder unbewusst – mit dieser Geschichte, nicht zuletzt jene, die schon zur älteren Generation zählen. Und so kommt es dann dazu, dass zwei sich im Gespräch unsicher sind: darf die das? Was passiert mit dem Kind? Wer verbietet das? Wer achtet auf das Kind? Wenn das Kind weggenommen wird, darf die Mutter das Kind sehen? Ist das Kind gesund oder krank?
Da viele Betreuer*innen in diesen Fragen unsicher sind, hier also eine kurze Zusammenfassung.

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Österreich hat die UN-Konvention der Rechte von Menschen mit Behinderung 2008 ratifiziert und sich so verpflichtet, die Inhalte der Konvention umzusetzen. Darin ist geregelt, welche Rechte Menschen mit Behinderung in Zusammenhang mit ihrem Wohnort, der Arbeit und des Privatlebens haben.
In der Konvention ist klar festgehalten: Menschen mit Behinderung haben das Recht auf Familie, Familiengründung, auf Kinder, Partnerschaft und angemessene Unterstützung durch die jeweiligen Einrichtungen. Da hierzu auch die Familienplanung gehört, haben die Menschen auch das Recht auf selbst gewählte Verhütungsmaßnahmen und die dazu gehörenden Informationen.
Da es sich hier um international verbindliches Recht handelt, ist es auch einklagbar falls den Betroffenen das Recht vorenthalten wird. Glücklicherweise werden viele Betreuer*innen im Lauf ihrer Ausbildung oder in den jeweiligen Arbeitsstätten mit der Konvention konfrontiert.

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Den gesamten Text kann man auf der Webseite des Sozialministeriums abrufen.
Hier auch in leichter Sprache.

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Dallas Buyers Club

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Ron (Matthew McConaughey) ist HIV-positiv und so genannter „late presenter“ (= jemand, bei dem erst sehr spät, meist im AIDS-Stadium festgestellt wird, dass HIV im Blut nachweisbar ist). Es ist 1985 und eine HIV-Diagnose bedeutet das Todesurteil. Ron ist zynisch, fast militant hetero und ein Rodeo-Fan. Er raucht, trinkt und konsumiert Koks, wahllose sexuelle ungeschützte Kontakte mit fremdem Frauen sind sein Alltag. Erst verzweifelt Ron, dann besorgt er sich Medikamente und als die ihn fast töten, besorgt er sich neue.

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Er gründet einen Buyers Club, also eine Art Verein, der gegen eine monatliche Gebühr nicht-zugelassene Medikamente an andere HIV-positive Menschen verteilt. Auf dem Weg gewinnt Ron eine/n Freund*in namens Rayon (brillant: Jared Leto), neue Erkenntnisse und streitet mit der FDA. Eine befreundete Ärztin unterstützt ihn in seinen Vorhaben.

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Basierend auf der wahren Geschichte von Ronald Woodroof (1950 – 1992), durch dessen Kampf die medikamentöse Therapie für HIV-positive Menschen eine wichtige Wendung nahm, erfährt man hautnah, wie real die Stigmation war (und ist), wie viele Vorurteile, wie viel Verzweiflung und wie viel Aussichtslosigkeit die Menschen erschütterte. Auch wenn nicht alle Aspekte der Realität entsprechen, macht das für die Geschichte keinen Unterschied.

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Dieser Film ist ein Muss für jede*n, die/der sich für die Geschichte der Antiretroviralen Therapie und die emotionalen Hintergründe von Betroffenen interessiert!

Frauentag

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Ich wurde schon oft in meinem Leben gefragt, ob ich Feministin bin. Früher dachte ich immer: nein, es ist doch alles gut wie es ist. Dann wurde ich auf die Genderdebatte aufmerksam und wieder dachte ich: es passt doch alles, was soll der Aufstand?

 

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Im Lauf der Jahre wurde ich dann gar nicht mehr gefragt, sondern immer wieder sagten einige: du bist Feministin und ich sagte: ah ja? Wie kommst du darauf? Und dann wurde erwidert, dass ich ja der Prototyp einer Frau sei, die für ihre Rechte kämpft und mein Grundsatz war tatsächlich immer: was soll das Geheule, einfach auf die Hinterhaxen stellen und kämpfen. Einfach tun, was man selbst will.

 

So ähnlich lief das bei mir auch mit dem „Gendern“, also das Binnen-I anzuwenden. Nur war ich damals nicht mal 20. Es gab einen jungen Mann in der Jugendorganisation, für die ich damals aktiv war und obwohl wir uns nicht gut kannten und er auch schon viel zu früh starb, hat er mich massiv beeinflusst. Er hieß Gregor und die, die ihn kennen, wissen, dass wahr ist, was ich jetzt schreibe: Gregor war ein toller Kerl und eine echte Zukunftshoffnung. Er ging viel zu früh. Auf seinem Begräbnis waren 300 Leute … jedenfalls hat dieser Mann mich in vielen Gesprächen schlussendlich davon überzeugt, dass Gendern nicht nur ok ist, sondern wichtig. Und weil er sich so viel Zeit genommen hat und so viel Geduld hatte, mit mir sturem Menschen zu diskutieren, deswegen gendere ich heute gerne und hab das Konzept im Lauf der Zeit auch erweitert.

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Inzwischen stört mich ein großes I sogar, ich finde es ignorant und dass es nicht weit genug geht. Ich schreibe Sternchen und dann in oder innen oder so. Und was dazu gekommen ist, womit wir wieder beim Frauentag wären: mir persönlich hat das Gendern wirklich geholfen, Frauen anders wahrzunehmen und auch die bestehende Diskriminierung, die in so vielen Bereichen durch unfassbar viele Studien und Untersuchungen festgestellt und bewiesen wurde. Ich bestreite heute, nach so vielen Jahren der Reflexionen, der Diskussionen und der Auseinandersetzungen nicht mehr, dass Frauendiskriminierung Alltag ist. Ich bestreite nicht mehr, dass das zweigeschlechtliche Normativ genauso schädlich ist wie die durch Heteronormativität begünstigte Homophobie.

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Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: jede Person, der auffällt, dass etwas schief läuft, die MUSS sich rühren, die MUSS was ändern, die MUSS dagegen arbeiten. Keiner kann alleine eine Revolution starten, glaubt man jedenfalls. Aber was ich leisten kann, das leiste ich und ich gebe weiter, was ich denke und setze damit einen Samen in eine Erde, die vielleicht nicht fruchtbar ist, noch nicht jedenfalls, und sie wird weiter gegossen, von mir und anderen und dann steht da irgendwann ein Baum oder eine Blume und mit der Zeit haben wir eine wunderschöne Wiese, einen stabilen Wald vielleicht. Und natürlich gibt es Wilderer und Umweltzerstörer. Aber wenn immer wieder neue Samen, neue Pflanzen nachkommen, dann übersteht der Wald vielleicht auch noch andere Angriffe.

 

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In diesem Sinn: schönen Internationalen Frauentag euch allen!

 

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Erste Male

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Unser gesamtes Leben und daher auch unser gesamtes Sexualleben sind erfüllt und geprägt von “ersten Malen”. Das erste Mal lachen, stehen, laufen, aufs Klo gehen, selbst duschen und Zähne putzen, der erste Streit – das erste Nein! – das erste Mal den eigenen Körper berühren, das erste Mal die Spannung und die Aufregung bei der Selbstbefriedigung. Die erste Verliebtheit, der erste Kuss usw. und dann, worauf die meisten Teenager sehr aufgeregt warten: das erste Mal. Das berühmte erste Mal Sex. Was wir da schon längst vergessen haben, ist, dass wir schon hunderte erste Male hinter uns haben und machen daher um diesen Augenblick einen sehr großen Tamtam. Nicht, dass es nicht gerechtfertigt wäre, ganz und gar nicht: aber ist nicht jedes erste Mal etwas Besonderes?

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Die Fragen, die sich um das erste Mal drehen, sind seit Jahrzehnte (oder sogar Jahrhunderten, aber damals wurden sie nicht offen gestellt) die gleichen: wird es wehtun? Was, wenn ich keine Höhepunkt habe? Wird es bluten? Was, wenn ich zu schnell komme? Was, wenn das Kondom reißt? Was, wenn meine Eltern uns erwischen? Werde ich blöd aussehen? Muss ich laut sein, damit es „gut“ ist? Was, wenn ich nicht „gut“ bin? Und: werden wir uns danach wiedersehen? Das alles und noch viel mehr gehört zu den Fragen, Sorgen, Ängsten und Aufregungen von Jugendlichen in sexualpädagogischen Workshops. Sexualpädagogen sind ausgebildet, um Jugendlichen diese Ängste soweit wie möglich zu nehmen und das ist auch ihre Aufgabe.

Dann sind wir also erwachsen, das erste Mal ist geschafft, vielleicht geht diese Beziehung in die Brüche und als Erwachsene stehen wir dann, ohne es zu wollen, vor ganz ähnlichen Fragen, sobald es eine neue Person im Leben gibt: was, wenn ich nicht „gut“ bin? Was soll ich nur machen, wo soll ich nur hin greifen? Und diese Aufregung ist der vom ersten Mal gar nicht unähnlich.

Mit diesen Ängsten kommen Menschen nicht oder eher selten in die Beratung, sie gehen damit zu Freunden und hoffen, Antworten zu kriegen. Diese können oft auch nicht viel sagen, denn schließlich haben sie diese Ängste auch. Der häufigste Ratschlag, den man in solch einer Situation bekommt, sofern man eben diese Ängste und Befürchtungen aussprechen kann, lautet: tu, wonach dir ist. Das ist richtig und auch gut gemeint. Aber wer kann so einen schwammigen Ratschlag wirklich umsetzen? Deswegen werde ich hier den Versuch starten, diesen an sich sehr guten Hinweis etwas präziser zu formulieren.

Versetzen Sie sich in die Situation, vor der Sie Angst haben, als Beispiel nehmen wir jetzt mal, dass man jemanden kennen gelernt hat und es knistert schon eine Weile und weil die Andeutungen immer klarer und konkreter werden, rechnen Sie damit, dass „es“ nun bald passieren könnte: der erste Kuss oder der erste Sex oder alles auf einmal. Wenn Sie sich aussuchen könnten, wo all diese Dinge geschehen, wo wären Sie dann? Bei sich daheim? Oder beim Gegenüber? Wären Sie gern in einem Park oder in einem Lokal? Im Taxi womöglich? Oder im Hotel? Wenn Sie diese Frage für sich beantwortet haben, wissen Sie vermutlich schon, wovor Sie sich konkret fürchten und können sich leichter damit auseinandersetzen.

Okay, also Sie sind jetzt mit der Person Ihrer Wahl an einem Ort Ihrer Wahl und der erste Kuss steht kurz bevor. Möchten Sie die Initiative ergreifen oder lieber abwarten? Haben Sie vielleicht das Gefühl, Sie sollten die Initiative ergreifen? Bedenken Sie, dass niemand Sie dazu zwingen kann und etwas mehr Knistern hat noch keinem sexuellen Verhältnis geschadet. Etwas zu warten, könnte das ganze also sogar etwas anheizen. Sie müssen sich keinen Plan machen: ich fange an oder ich warte ab. Versuchen Sie sich vorzustellen, wie dieser erste Kuss geschieht – und beobachten Sie, was genau Sie da eigentlich machen: sind Sie aktiv? Oder eher zurückhaltend? Mit dieser recht konkreten Vorstellung können Sie in sich etwas Sicherheit für den fragilen Moment der ersten Berührung von zwei einander fremden Lippenpaaren finden. Versuchen  Sie, sich an diesen Vorstellungen „anzuhalten“, zu orientieren, wenn Sie so wollen, allerdings nur unter einer Bedingung: wenn diese Vision sich gut angefühlt hat. Das wissen Sie, auch wenn Sie etwas unsicher sind und ein heißer Tipp ist: das, was Sie sich ausgedacht haben, entspringt ihren ganz konkreten Wünschen! In der Realität ist alles etwas sanfter, meistens jedenfalls und manchmal ist es auch viel aufregender als in der Vorstellung.

Na gut, der erste Kuss – und jetzt? Das ist der zweite, wirklich große Schritt. Wie gelangt man vom Knutschen ins Rummachen? Das mit solch klaren Worten auszudrücken, mag gewagt erscheinen – aber seien  Sie ehrlich: denken Sie nicht so oder so ähnlich? Wie setze ich den nächsten Schritt? Dazu eine Sache: Sie müssen ja nicht weitergehen, wenn Ihnen das Unbehagen bereitet. Niemand sagt, Sie müssen gleich „das volle Programm“ durchziehen oder im Gegenteil gleich aufspringen und davon laufen. Wenn Sie unruhig werden, machen Sie einfach eine Pause. Lassen Sie die Augen zu, bleiben Sie in der Nähe der Person, die Sie gerade geküsst haben und warten Sie. Schnaufen Sie durch. Das ist eine heiße Sache, hoffentlich jedenfalls, und Dinge zu überstürzen bringen selten etwas. Danach können Sie viel ruhiger weitermachen.

Viele fragen: was mach ich mit meinen Händen? Das ist eine gute Frage und ich würde sagen: das kommt darauf an, was Sie für diese Person empfinden. Beobachten Sie an sich, wohin gehen meine Hände automatisch, ohne, dass ich es plane, wenn wir uns küssen. Wenn Sie die Person sanft im Gesicht halten, haben Sie sich vermutlich verliebt. Die Hand am Nacken: Sie begehren diese Frau oder diesen Mann sehr. In intimeren Bereichen wie Brust, Hüfte, Geschlechtsorgane: sehr starkes Begehren, aber vielleicht ein Schritt zu viel beim ersten Kuss. Ein guter Tipp sind die Beine. Leicht auf die Oberschenkel legen und wenn etwas Gutes passiert, erhöhen Sie den Druck ganz automatisch. Im Zweifelsfall lassen Sie die Hände so liegen, dass es für Sie bequem ist. Das funktioniert fast immer, außer natürlich, Sie küssen sich gerade im Regen und Sie halten den Schirm. Allerdings müssen Sie dann nicht darüber nachdenken, wohin mit den Händen.

Wenn Sie es so weit geschafft haben und dabei noch immer spüren: das mag ich, das fühlt sich gut an, das ist mir zu steil oder zu viel oder zu wenig, ich bin erregt (oder eben auch nicht!) – dann schaffen Sie den Rest des Weges vermutlich alleine, das schließt auch ein, dass Sie gehen, wenn es sich falsch, zu schnell oder sonst wie seltsam anfühlt. Das ist nicht leicht, Sie mögen diese Person, die Sie gerade geküsst haben, wahrscheinlich und möchten Sie nicht verletzen. Seien Sie einfach diplomatisch, aber bitte keine Phrasen à la „Ich muss morgen früh auf.“ – Sie können ja ruhig die Wahrheit sagen: „Das geht mir zu schnell“ oder was auch immer die Wahrheit für Sie in diesem Moment ist. Und wissen Sie, was?  Sie sind ja nicht allein! Da ist noch eine zweite Person, Sie sitzt/steht/liegt gleich da, neben/auf/unter Ihnen – und die ist genau so nervös wie Sie – und auch sie entscheidet sich jede Minute für diese Situation oder eben dagegen.

PS: Es schadet nicht, der Person, die man gerade küsst, zu sagen, dass man aufgeregt ist. Solche einfachen Sätze können die ganze Situation entspannen. Sie dürfen artikulieren, dass Sie nervös sind und die Chance, dass das Gegenüber dieses Eingeständnis als Schwäche interpretiert, tendiert gegen Null. (Falls die Person es wider Erwarten doch tut, sollten Sie sich überlegen, ob das ein Mensch ist, mit dem Sie einen Schritt weitergehen möchten)

kleiner Nachtrag: beim Recherchieren für passende Bilder zu diesem Blog hatte ich noch eine kleine Erkenntnis. Warum sind wir denn so aufgeregt, wenn wir etwas Neues tun? Jemand Neuen treffen? Einfach, wenn etwas sich plötzlich ändert? Mir kam dann das schlüpfende Küken unter und ich dachte: ahja, das ist es also! Wir verlassen unsere „comfort zone“ – das klingt jetzt wie „no na“, aber wenn wir uns das tatsächlich überlegen: was bedeutet es, etwas zu tun, das uns nicht vertraut ist? Dann fühlt es sich fremd an. Und fremd, das ist gefährlich. Jedenfalls, wenn es nach unserem Hirn geht, das sich an festen Abläufen orientiert und auch versucht, solche Abläufe herzustellen. Noch ein Erbe unseres Urhirns. Als wir noch nicht in Zivilisationen lebten (oder in dem, was wir heutzutage als solche bezeichnen), sondern Nomaden waren und mit wilden Tieren zu kämpfen hatten, also kurz, in prähistorischer Zeit, da war Sicherheit alles. Wo krieg ich was zu essen, wie flüchte ich vor dem Bison, wie hab ich es warm und trocken? Wie krieg ich meine Kinder durch’s erste Lebensjahr? Welche Pflanze darf ich essen usw. usf. Und da hat es sich etabliert: was der Bauer net kennt, frisst er net. Ist ein blödes Beispiel, bringt aber unser Schutzbedürfnis ziemlich gut auf den Punkt. Vielleicht würde es uns also helfen, wenn wir die Nerven wegwerfen, uns zu sagen: du lebst nicht in der Wüste. Dich bringt es nicht um, wenn du jetzt scheiterst. Und wer weiß, vielleicht kapiert unser Hirn das auch irgendwann.

Begehren und Beziehung

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 Schon länger kommen Menschen auf mich zu und fragen, ob es okay ist, jemand anderen zu begehren, wenn man in einer festen Beziehung steckt. Und natürlich auch die Frage: ist Sex mit jemand anderem als mit dem eigenen Partner/der eigenen Partnerin okay? Ändert die Dauer der Beziehung oder die derzeitige Beziehungssituation etwas an der Berechtigung dieser Gefühle oder Taten? Oder anders: ist man ein Beziehungsschwein, wenn man mit jemand anderem ins Bett geht? Sich in jemand anderen verliebt? Sich womöglich auch nicht entscheiden kann oder möchte?

Dreiecksbeziehungen, und seien sie auch „nur“ emotional, aber nicht in Taten, vorhanden, beschäftigen die Menschheit schon lange. Sogar in der Kunst und in der häufigsten Kunstform der Gegenwart – der Werbung – ist das Begehren von mehr als nur einem Menschen ein wichtiges Thema, über das es viele Auseinandersetzungsformen gibt. Ganz aktuell: der Römerquelle-Spot, bei dem zwei Frauen, ein Zimmerjunge und eine Flasche Mineralwasser eine aufregende Menage eingehen. Ganze Romane wurden über die Konsequenzen von Dreiecksbeziehungen verfasst, verfilmt und dann neu betrachtet, ebenfalls ziemlich aktuell: Anna Karenina mit Keira Knightley.

Schon seit 1974 macht Römerquelle mit dem Thema "Menage à trois" Werbung für ihr Wasser

Schon seit 1974 macht Römerquelle mit dem Thema „Menage à trois“ Werbung für ihr Wasser

Alle Werbungen von Römerquelle hier: http://derstandard.at/1148052?_slideNumber=1&_seite=

Es ist also gar keine neue Frage. Aber die Antworten haben sich im Lauf der Jahre massiv verändert und wenn man aktuellen Jugendstudien glauben darf, ist Fremdgehen das größte Verbrechen an einer Beziehung und das sind immerhin die Erwachsenen von morgen.

Ich will hier gar nicht versuchen, die Gründe von Treue und Untreue, den Wunsch nach Monogamie oder ähnliches zu erklären, das wurde und wird, ausreichend und vielfach erklärt. Demnach ist der Mensch biologisch gesehen zur Treue nicht wirklich gemacht, denn das Begehren selbst sei ja eine Form der „Natur“, menschliche Gene auf angenehme Weise zu verbreiten und in diesem Hormonrausch hätten „moralische“ Bedenken nun mal keinen Platz, weshalb es total unlogisch sei, sich Monogamie auch nur zu wünschen, denn die ist ja demzufolge „widernatürlich“. Das ist ein sehr ausgereiztes Feld, es gibt Dutzende, hunderte Artikel darüber und die Meinungen gehen so weit auseinander, wie es in solch einem ideologisch aufgeheizten Feld möglich ist.

Sich hingegen mit den Selbstzweifeln und den Ängsten zu beschäftigen, das ist viel wesentlicher in unserem Alltag. Dass Menschen selten nur eine einzige Person begehren, hat wohl jede/r schon mal erlebt. Dass man hingegen nur eine Person wirklich hingebungsvoll liebt und nur für eine „durch’s Feuer“ geht, das vermutlich auch. Trotzdem: warum decken sich diese beiden Pfade so selten? Warum kann man nicht nur eine/n lieben und daher auch nur eine/n begehren? Fakt ist: ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Es gibt Theorien. Eine davon, und das ist die naheliegendste, ohne sich auf einen Fachstreit einzulassen, ist die: eine längerfristige Beziehung erlebt nicht nur Hochs, sondern auch eine ganze Menge an Tiefs. Begehren hat etwas mit Hochs zu tun, nicht mit dem Alltag, sondern mit einer Art rauschhaftem Zustand, in dem die Hormone verrückt spielen, der Fokus weggeht von den Problemen und Gedanken, die man so den ganzen Tag mit sich rumschleppt hin zu nur einem Ziel: diese Person so nahe wie möglich an sich zu spüren und alles zu tun, was einem gerade einfällt, ganz ohne kognitive Beschäftigung, einfach nur Sein, nur Spüren – im Jetzt sein. Beziehungen sind höchst selten im Jetzt – ganz zu Beginn nämlich und da ist das Begehren auch naturgemäß am Stärksten. Sobald es um die Zukunft geht, ist der Kopf ganz voll von Plänen, Wünschen, Träumen und man versucht, die eigenen Visionen mit denen des Gegenübers auf einen Nenner zu bringen. Und nach einiger Zeit, in der es zuerst ums Jetzt und dann ums Morgen und dann plötzlich um in einem Jahr ging, geht es plötzlich ums Gestern und um letzte Woche, als … – das sind die Momente, wo Begehren schwierig wird, wo man es sich vielleicht sogar „erarbeiten“ muss, weiter zusammen zu sein. Und wenn man in genau so einem fragilen Moment jemanden trifft, der einen „Schalter“ an einem selbst kennt oder spürt – wer war da nicht schon mal kurz davor oder sogar mittendrin, schwach zu werden? Oder stark zu sein und zu tun, sich zu holen, was man so sehr vermisst hat.

Jetzt ist es also passiert und nun: ist man der Täter/die Täterin, denn auch das ist gesellschaftlich ziemlich klar verteilt: der, der fremd geht, ist schuld, wenn die Beziehung nun zerbricht. Doch, was, wenn es dieses Täter-Opfer-Schema gar nicht geben müsste? Wenn es einfach Teil der Geschichte dieser Menschen ist, diese Dinge zu tun und wenn es nicht hilft, sie als Fehler zu betrachten, sonder vielmehr als Anlass, um nachzudenken. Vielleicht auch, um die Beziehung tatsächlich in Frage zu stellen. Denn daran gibt es kaum Zweifel: es hat etwas mit der Beziehung (die ja auch eine sexuelle Beziehung ist oder sein sollte, jedenfalls gehört das zur Vision einer Beziehung: ich begehre dich für immer) zu tun, wenn jemand anderer plötzlich so viel interessanter ist.

Und wenn nun jemand bis hierher gekommen ist und sich denkt: was will die sagen? Dann ist die Antwort: Schuldgefühle bringen niemandem etwas. Kurzschlussreaktionen à la „ich bin fremdgegangen, deswegen verlasse ich dich jetzt“ können verdammt weh tun und man hat nichts mitgenommen. Die Antwort lautet: mach dich doch nicht fertig. Wir sind Menschen und ich glaube, ein Mensch zu sein, kann ein erstrebenswerter Zustand sein. Menschen, die die Wahl haben, machen Fehler. Und sich zu verteufeln oder sich verteufeln zu lassen, bringt niemanden weiter. Reflexion ist also angesagt: warum ist mir das passiert? Ist es „passiert“ oder wollte ich es so? Und wieso wollte ich es so? Diese Reflexion alleine anzugehen, ist für manche Menschen sehr schwierig, deswegen zwei Vorschläge:

1. Einfach einen Therapeuten/Berater aufsuchen. Auf die soeben gestellten Fragen, also vor allem die Frage nach der Motivation, dem Auslöser, findet man innerhalb von 3, 4 Sitzungen eine Antwort. Was man mit der Erkenntnis macht, ist dann etwas anderes und könnte zum Beispiel darin münden, eine/n Paartherapeut*in aufzusuchen.

2. Es gibt Bücher zum Thema. Jemand, der sehr unaufgeregt schreibt und lebenspraktische Hinweise gibt, ist Ulrich Clement, der schon mit „Guter Sex trotz Liebe“ Aufsehen erregt hat und mit „Wenn Liebe fremd geht“ zum Thema nachlegt. Mittels „Ausschlussverfahren“ und eben einer Art angeleiteter Reflexion sollte man schnell einen Hinweis finden. Dann kommt dann evtl doch wieder Vorschlag Nr. 1 in Betracht.

Noch zur Frage „Gestehen oder nicht?“, die ebenfalls ganz häufig Thema ist: das muss jede/r für sich entscheiden. Die Grundregel ist: bringt es der Beziehung etwas, wenn man beichtet? Oder entlastet es bloß das eigene Gewissen und die Beziehung nimmt Schaden, ohne dass man das wollte? Auch darüber kann man sich mit einer anderen Person gut unterhalten.

Sex und Gesellschaft

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Es ist ein altes Thema, vielleicht sogar ein leidiges, trotzdem ist es brandaktuell: was ist richtig oder falsch im Bezug auf sexuelles Verhalten? Damit gemeint sind nicht Dinge wie Verhütung oder Stellungen – es ist viel banaler. Die häufigste Frage, die ich von Frauen gestellt bekomme, wenn sie häufig wechselnde SexualpartnerInnen haben (und ja, nur Frauen fragen das – Männer haben mit diesem Umstand nach wie vor keine Schwierigkeiten!), lautet: „Bin ich eine Schlampe?“ oder so etwas wie „Bin ich verhurt?“. Mich erschreckt die Frage jedes Mal wieder, vor allem, weil sie von Frauen zu kommen scheint, die sehr selbstbewusst mit sich, ihrem Körper und ihrer Sexualität umgehen.

Und dann – auf der anderen Seite – bin ich dann doch nicht so schockiert: wurde uns nicht all die Jahre und Jahrzehnte und im Grunde sogar Jahrhunderte (wenn man nach Bourdieu geht) gesagt und mitgegeben, dass eine Frau eine unterlegene Sexualität hat (selbst Freud hat das noch geglaubt) und war es nicht schon in der Kindheit ein Thema, was man anzuziehen hat und was nicht? Wurde nicht Madonna in den frühen Neunzigern von der Mehrheit der (weiblichen!) Bevölkerung als Hure und Schlampe bezeichnet, weil sie sich über ihre Sexualität geäußert hat und weil sie so frei und offen damit umgegangen ist?

Madonna in den frühen 90ern

Und ist es nicht verwunderlich, dass diese Bilder vermutlich auch 20 Jahre nach ihrem Entstehen für einen leichten, leisen Schock sorgen? Und zwar eindeutig nicht, weil jemand das in der Öffentlichkeit macht, sondern weil es überhaupt jemanden gibt, der sich zu seiner Sexualität bekennt und sie als Vorbild (und natürlich auch aus Publicity-Gründen) darstellt?

Im Grunde bleibt nur eines zu sagen: Sexualität ist Privatsache. Was jemand macht oder mit wem oder aus welchem Grund, das geht nur die handelnde/n Person/en etwas an und wer jemand anderen dafür verurteilt, tut das wahrscheinlich nur aus einem Grund: Neid. Und wir selbst? Verurteilen uns auch dafür. Und damit ist eines der Ziele der Emanzipation nicht erreicht, nämlich die Befreiung der Sexualität aus der gesellschaftlichen/kirchlichen Umklammerung.
Und noch eins: wir haben unsere Körper, um gut damit umzugehen. Und gut bedeutet: pass drauf auf – aber das bedeutet bei weitem nicht, zu Dingen, die man gerne hat, nein zu sagen. Vielmehr bedeutet das, von Krankheiten und anderen schädlichen Einflüssen Abstand zu halten und Verantwortung für das eigene (Sexual)Leben  zu übernehmen.

Das ist eine wesentliche Aufgabe der Sexualerziehung und später auch der Sexualpädagogik.

 

Nachtrag: Das Sexualverhalten von Frauen bzw. die Meinung über dieses Sexualverhalten ist historisch gewachsen. Zwar gab es immer Verhütungsmittel (wie zB Kondome aus Gedärmen und Leder), allerdings waren sie alle für den Mann oder sie waren Notfallsbehelfe für die Frau, wie zB eine Scheidenspülungen aus unterschiedlichen Kräutern. Erst in den 1960ern wurde das Verhütungsmittel für die Frau erfunden, das wir heute alle so schätzen: die Antibabypille. Erst durch sie wurde die selbstbestimmte Form der Sexualität für die Frauen möglich, wie man sie heute kennt. Trotzdem (oder vielleicht deshalb – am Anfang mussten Ärzte die Pille nicht verschreiben und es gab auch Befürchtungen, die Frauen könnten promisk leben) hat sich das alte Muster noch nicht verflüchtigt.

Männer konnten früher nie sicher sein, ob das Kind, das die Frau gerade austrug, von ihnen war. Deswegen (und natürlich wegen der ganzen Erbschaftsangelegenheiten) wurde den Frauen die Verantwortung für ihren Körper insofern entzogen, als man ihnen einredete, Sex sei nur für die Fortpflanzung und nur innerhalb der Ehe in Ordnung und alle außer- und vorehelichen sexuellen Beziehungen verteufelte. Dieses System hat sich über die Jahrhunderte bewährt und verfestigt und findet auch heute noch in ihrer Restriktion gegen die freie Ausübung der weiblichen Sexualität ihre Ausprägung.

 

Bourdieu: „Die gesellschaftliche Welt ist akkumulierte Geschichte.“

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Eine häufige Frage, die Menschen sich grundsätzlich immer wieder stellen und die auch Thema in Sexualberatungen bzw. sexualpädgogischen Workshops ist, lautet: wie weiß ich, dass er/sie will? Und eine andere, recht ähnliche: wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um einen Schritt weiterzugehen? Oder anders: wie weiß ich, ob der Schritt, den ich gerade tun möchte, zu viel oder zu wenig oder vielleicht sogar gerade richtig ist?

Die häufigste Antwort ist dann, wenn man zum Beispiel einen Freund oder eine Freundin fragt: das spürst du dann. Ist auch die häufigste Antwort auf: wie weiß ich, dass es Liebe ist? Wann ist der Zeitpunkt für’s erste Mal (das ist die mit Abstand häufigste Frage bei Jugendlichen!)? Wie weiß  ich, ob eine Beziehung an ihrem Ende angelangt ist? Wie weiß ich, ob ich bereit für Kinder/Zusammenziehen/Heiraten bin?  Und so korrekt diese Antwort ist (sie kommt ja nicht von ungefähr, sondern speist sich aus dem persönlichen Hintergrund und aus den Erfahrungen der Person, die da bereitwillig antwortet), so hilflos ist die fragende Person, wenn sie mit dieser Reaktion leben muss und daraus vielleicht etwas basteln soll. Denn die Grundfrage ist ja: WIE und WO spürt man, dass/ob es richtig ist, was man da tun möchte?

Es gibt jetzt viele Möglichkeiten, wie man die Beantwortung der Grundfrage angeht. Eine ist, zu hinterfragen, warum Menschen ihre Gefühle in Zweifel stellen. Eine andere, ein paar anatomische und organische Antworten zu geben. Und wieder eine andere, zur Grundantwort – das spürst du schon – zurückzukehren.

Ich – und mit mir viele TherapeutInnen und BeraterInnen – bin der Ansicht, dass Menschen wissen, was sie wollen. Sie wissen, was sie fühlen und sie wissen auch, in welcher Intensität sie die Dinge herbeisehnen. Also wäre die erste Antwort, die niemand hören will: du weißt, was du willst! In dir ist die Antwort längst da. Sie äußert sich durch deine Frage. So viel zur Tiefenpsychologie.

Instanzenmodell nach Freud

Die Grafik verdeutlicht, was ich damit meine und spricht gleich noch eine Ebene an: die der Außenwelt, also der Normen und Werte. Will heißen, alle Fragen im Bezug auf Beziehung und Sexualität sind durch die Gesellschaft, in der wir leben, (mit)bestimmt und haben in der sozialen Realität, durch die wir geprägt wurden, einen hohen Stellenwert in unserem Empfinden und Erleben – auch oder vielleicht sogar besonders dann, wenn wir es nicht so empfinden (möchten)!

Für besonders Interessierte: Sozialisation (vgl. Pierre Bourdieu: „Sozialisation ist akkummulierte Geschichte.“)

Wir sind also Teil dieser Gesellschaft und reproduzieren durch unsere Gedanken und Gefühle, was wir erlernt haben. Im Bezug auf Sexualität ist diese Prägung eine besonders vielschichte und widersprüchliche. Während in den letzten Jahrhunderten die romantische Liebe überhaupt erst entstand, hat sich die Befreiung des Körpers von den Zwängen der Kirche und der gesellschaftlichen Anforderung der Triebbeherrschung erst in den letzten Jahrzehnten zu vollziehen begonnen. Und auch wenn manche Sexualwissenschaftler die sexuelle Revolution als nicht ungefährlich für die Lust (die ja auch durch das Verbotene angestachelt wird) sehen (vgl. Volkmar Sigusch – Die neosexuelle Revolution), so denke ich, dass die Wahrnehmung der Sexualität und der körperlichen und seelischen Bedürfnisse zu den wunderbarsten Entdeckungen des 20. und 21. Jahrhunderts gehört – wir fühlen und das ist gut so!

Worauf will ich hinaus? Ich möchte sagen, dass wir immer schon wussten, was wir wollten. Und dass die Gesellschaft, die Kirche, die Normen und nicht zuletzt wir selbst uns verboten haben, zu empfinden, was nun mal da war: sei es Lust oder eben keine Lust (das ist noch immer tabuisiert, vor allem bei Männern), sei es das Begehren des eigenen Geschlechts, Selbstbefriedigung, Fetisch oder die Freude am Partnertausch. Durch das Verbieten entstand eine Schwelle und diese Schwelle wird durch Sozialisation weitervererbt. Wir lernen, uns zu beherrschen. Es gibt Wissenschaftler, die der Ansicht sind oder waren, dass diese Selbstbeherrschung Teil des erwachsenen Ichs ist.

Was also müssen wir tun? Wir müssen uns fühlen trauen! Wir brauchen inzwischen Mut, um unsere Gefühle wahrzunehmen. Ein Outing, nur als Beispiel, ist die Akzeptanz von Gefühlen. Und es beginnt in sich selbst. Ein Outing beginnt nicht damit, dass man anderen sagt, was man empfindet, sondern dass man es in sich fühlt und dann danach handelt. Und so gesehen, ist jede sexuelle oder emotionale Handlung, wie ein Kuss oder eine Berührung eine ist, ein Outing. Eines, das in einem selbst und dann erst mit jemand zweitem stattfindet.

Wir brauchen also nicht nur Mut, sondern auch Zeit. Und „hör auf deinen Bauch“ ist kein schlechter Ratschlag. Wieder zur Grundfrage: wo und wie spürt man, was passt? Also, im Bauch ist unser zweites Hirn. Der Darm besteht aus einer gigantischen Anzahl von Nervenzellen und in ihm machen sich Emotionen besonders dann bemerkbar, wenn wir gerade dabei sind, sie zu verdrängen.

Im Bezug auf Sexualität gibt es noch einen zweiten, besonders hilfreichen Partner – das Wort Sexualität leitet sich vom lateinischen sexus ab: das bedeutet Geschlecht. Unser Geschlechtsorgan weiß also ziemlich genau, ob und wie viel und worauf wir gerade Lust haben. Dabei sind die tatsächlichen körperlichen Reaktionen (wie eine Schwellung oder ein Feuchtwerden) eher zweitrangig. Lange, bevor wir eine körperliche Auswirkung der Situation wahrnehmen, gibt es ein Gefühl im Geschlechtsorgan. Es ist so eindeutig, dass man es nicht erklären muss – selbst Kinder wissen genau, was dieses bestimmte Kribbeln zwischen den Beinen bedeutet. Nur dass sie darauf reagieren und Erwachsene tun das nicht. Und weil Erwachsene es ist nicht tun – sie verschieben ihre Lust – verlernen einige von ihnen, ihre Gefühle wahrzunehmen und eindeutig einzuordnen.

Um das – bevor der Artikel ein Buch wird – deutlich zusammenzufassen: wir wissen, was wir wollen und wir wissen auch, wann und in welchem Umfang wir etwas wollen. Ein guter Hinweis auf Situationen, in denen das Timing in Frage gestellt wird (und meist sind es eben die gesellschaftlichen Anforderungen und/oder das eigene Selbstwertgefühl, das uns abhält), ist: wenn alles in dir JA sagt, dann ist es JA. Wenn einiges JA und irgendetwas  NEIN sagt, dann ist es NEIN. Wir alle kennen das. Und trotzdem folgen wir dem Gefühl nicht.

Und in diesem Fall bedeutet Back to the roots: zurück zu den Ursprüngen unserer Gefühle. Als Kinder wussten wir, was wir wollten. Also holen wir es doch wieder raus!