Erste Male

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Unser gesamtes Leben und daher auch unser gesamtes Sexualleben sind erfüllt und geprägt von “ersten Malen”. Das erste Mal lachen, stehen, laufen, aufs Klo gehen, selbst duschen und Zähne putzen, der erste Streit – das erste Nein! – das erste Mal den eigenen Körper berühren, das erste Mal die Spannung und die Aufregung bei der Selbstbefriedigung. Die erste Verliebtheit, der erste Kuss usw. und dann, worauf die meisten Teenager sehr aufgeregt warten: das erste Mal. Das berühmte erste Mal Sex. Was wir da schon längst vergessen haben, ist, dass wir schon hunderte erste Male hinter uns haben und machen daher um diesen Augenblick einen sehr großen Tamtam. Nicht, dass es nicht gerechtfertigt wäre, ganz und gar nicht: aber ist nicht jedes erste Mal etwas Besonderes?

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Die Fragen, die sich um das erste Mal drehen, sind seit Jahrzehnte (oder sogar Jahrhunderten, aber damals wurden sie nicht offen gestellt) die gleichen: wird es wehtun? Was, wenn ich keine Höhepunkt habe? Wird es bluten? Was, wenn ich zu schnell komme? Was, wenn das Kondom reißt? Was, wenn meine Eltern uns erwischen? Werde ich blöd aussehen? Muss ich laut sein, damit es „gut“ ist? Was, wenn ich nicht „gut“ bin? Und: werden wir uns danach wiedersehen? Das alles und noch viel mehr gehört zu den Fragen, Sorgen, Ängsten und Aufregungen von Jugendlichen in sexualpädagogischen Workshops. Sexualpädagogen sind ausgebildet, um Jugendlichen diese Ängste soweit wie möglich zu nehmen und das ist auch ihre Aufgabe.

Dann sind wir also erwachsen, das erste Mal ist geschafft, vielleicht geht diese Beziehung in die Brüche und als Erwachsene stehen wir dann, ohne es zu wollen, vor ganz ähnlichen Fragen, sobald es eine neue Person im Leben gibt: was, wenn ich nicht „gut“ bin? Was soll ich nur machen, wo soll ich nur hin greifen? Und diese Aufregung ist der vom ersten Mal gar nicht unähnlich.

Mit diesen Ängsten kommen Menschen nicht oder eher selten in die Beratung, sie gehen damit zu Freunden und hoffen, Antworten zu kriegen. Diese können oft auch nicht viel sagen, denn schließlich haben sie diese Ängste auch. Der häufigste Ratschlag, den man in solch einer Situation bekommt, sofern man eben diese Ängste und Befürchtungen aussprechen kann, lautet: tu, wonach dir ist. Das ist richtig und auch gut gemeint. Aber wer kann so einen schwammigen Ratschlag wirklich umsetzen? Deswegen werde ich hier den Versuch starten, diesen an sich sehr guten Hinweis etwas präziser zu formulieren.

Versetzen Sie sich in die Situation, vor der Sie Angst haben, als Beispiel nehmen wir jetzt mal, dass man jemanden kennen gelernt hat und es knistert schon eine Weile und weil die Andeutungen immer klarer und konkreter werden, rechnen Sie damit, dass „es“ nun bald passieren könnte: der erste Kuss oder der erste Sex oder alles auf einmal. Wenn Sie sich aussuchen könnten, wo all diese Dinge geschehen, wo wären Sie dann? Bei sich daheim? Oder beim Gegenüber? Wären Sie gern in einem Park oder in einem Lokal? Im Taxi womöglich? Oder im Hotel? Wenn Sie diese Frage für sich beantwortet haben, wissen Sie vermutlich schon, wovor Sie sich konkret fürchten und können sich leichter damit auseinandersetzen.

Okay, also Sie sind jetzt mit der Person Ihrer Wahl an einem Ort Ihrer Wahl und der erste Kuss steht kurz bevor. Möchten Sie die Initiative ergreifen oder lieber abwarten? Haben Sie vielleicht das Gefühl, Sie sollten die Initiative ergreifen? Bedenken Sie, dass niemand Sie dazu zwingen kann und etwas mehr Knistern hat noch keinem sexuellen Verhältnis geschadet. Etwas zu warten, könnte das ganze also sogar etwas anheizen. Sie müssen sich keinen Plan machen: ich fange an oder ich warte ab. Versuchen Sie sich vorzustellen, wie dieser erste Kuss geschieht – und beobachten Sie, was genau Sie da eigentlich machen: sind Sie aktiv? Oder eher zurückhaltend? Mit dieser recht konkreten Vorstellung können Sie in sich etwas Sicherheit für den fragilen Moment der ersten Berührung von zwei einander fremden Lippenpaaren finden. Versuchen  Sie, sich an diesen Vorstellungen „anzuhalten“, zu orientieren, wenn Sie so wollen, allerdings nur unter einer Bedingung: wenn diese Vision sich gut angefühlt hat. Das wissen Sie, auch wenn Sie etwas unsicher sind und ein heißer Tipp ist: das, was Sie sich ausgedacht haben, entspringt ihren ganz konkreten Wünschen! In der Realität ist alles etwas sanfter, meistens jedenfalls und manchmal ist es auch viel aufregender als in der Vorstellung.

Na gut, der erste Kuss – und jetzt? Das ist der zweite, wirklich große Schritt. Wie gelangt man vom Knutschen ins Rummachen? Das mit solch klaren Worten auszudrücken, mag gewagt erscheinen – aber seien  Sie ehrlich: denken Sie nicht so oder so ähnlich? Wie setze ich den nächsten Schritt? Dazu eine Sache: Sie müssen ja nicht weitergehen, wenn Ihnen das Unbehagen bereitet. Niemand sagt, Sie müssen gleich „das volle Programm“ durchziehen oder im Gegenteil gleich aufspringen und davon laufen. Wenn Sie unruhig werden, machen Sie einfach eine Pause. Lassen Sie die Augen zu, bleiben Sie in der Nähe der Person, die Sie gerade geküsst haben und warten Sie. Schnaufen Sie durch. Das ist eine heiße Sache, hoffentlich jedenfalls, und Dinge zu überstürzen bringen selten etwas. Danach können Sie viel ruhiger weitermachen.

Viele fragen: was mach ich mit meinen Händen? Das ist eine gute Frage und ich würde sagen: das kommt darauf an, was Sie für diese Person empfinden. Beobachten Sie an sich, wohin gehen meine Hände automatisch, ohne, dass ich es plane, wenn wir uns küssen. Wenn Sie die Person sanft im Gesicht halten, haben Sie sich vermutlich verliebt. Die Hand am Nacken: Sie begehren diese Frau oder diesen Mann sehr. In intimeren Bereichen wie Brust, Hüfte, Geschlechtsorgane: sehr starkes Begehren, aber vielleicht ein Schritt zu viel beim ersten Kuss. Ein guter Tipp sind die Beine. Leicht auf die Oberschenkel legen und wenn etwas Gutes passiert, erhöhen Sie den Druck ganz automatisch. Im Zweifelsfall lassen Sie die Hände so liegen, dass es für Sie bequem ist. Das funktioniert fast immer, außer natürlich, Sie küssen sich gerade im Regen und Sie halten den Schirm. Allerdings müssen Sie dann nicht darüber nachdenken, wohin mit den Händen.

Wenn Sie es so weit geschafft haben und dabei noch immer spüren: das mag ich, das fühlt sich gut an, das ist mir zu steil oder zu viel oder zu wenig, ich bin erregt (oder eben auch nicht!) – dann schaffen Sie den Rest des Weges vermutlich alleine, das schließt auch ein, dass Sie gehen, wenn es sich falsch, zu schnell oder sonst wie seltsam anfühlt. Das ist nicht leicht, Sie mögen diese Person, die Sie gerade geküsst haben, wahrscheinlich und möchten Sie nicht verletzen. Seien Sie einfach diplomatisch, aber bitte keine Phrasen à la „Ich muss morgen früh auf.“ – Sie können ja ruhig die Wahrheit sagen: „Das geht mir zu schnell“ oder was auch immer die Wahrheit für Sie in diesem Moment ist. Und wissen Sie, was?  Sie sind ja nicht allein! Da ist noch eine zweite Person, Sie sitzt/steht/liegt gleich da, neben/auf/unter Ihnen – und die ist genau so nervös wie Sie – und auch sie entscheidet sich jede Minute für diese Situation oder eben dagegen.

PS: Es schadet nicht, der Person, die man gerade küsst, zu sagen, dass man aufgeregt ist. Solche einfachen Sätze können die ganze Situation entspannen. Sie dürfen artikulieren, dass Sie nervös sind und die Chance, dass das Gegenüber dieses Eingeständnis als Schwäche interpretiert, tendiert gegen Null. (Falls die Person es wider Erwarten doch tut, sollten Sie sich überlegen, ob das ein Mensch ist, mit dem Sie einen Schritt weitergehen möchten)

kleiner Nachtrag: beim Recherchieren für passende Bilder zu diesem Blog hatte ich noch eine kleine Erkenntnis. Warum sind wir denn so aufgeregt, wenn wir etwas Neues tun? Jemand Neuen treffen? Einfach, wenn etwas sich plötzlich ändert? Mir kam dann das schlüpfende Küken unter und ich dachte: ahja, das ist es also! Wir verlassen unsere „comfort zone“ – das klingt jetzt wie „no na“, aber wenn wir uns das tatsächlich überlegen: was bedeutet es, etwas zu tun, das uns nicht vertraut ist? Dann fühlt es sich fremd an. Und fremd, das ist gefährlich. Jedenfalls, wenn es nach unserem Hirn geht, das sich an festen Abläufen orientiert und auch versucht, solche Abläufe herzustellen. Noch ein Erbe unseres Urhirns. Als wir noch nicht in Zivilisationen lebten (oder in dem, was wir heutzutage als solche bezeichnen), sondern Nomaden waren und mit wilden Tieren zu kämpfen hatten, also kurz, in prähistorischer Zeit, da war Sicherheit alles. Wo krieg ich was zu essen, wie flüchte ich vor dem Bison, wie hab ich es warm und trocken? Wie krieg ich meine Kinder durch’s erste Lebensjahr? Welche Pflanze darf ich essen usw. usf. Und da hat es sich etabliert: was der Bauer net kennt, frisst er net. Ist ein blödes Beispiel, bringt aber unser Schutzbedürfnis ziemlich gut auf den Punkt. Vielleicht würde es uns also helfen, wenn wir die Nerven wegwerfen, uns zu sagen: du lebst nicht in der Wüste. Dich bringt es nicht um, wenn du jetzt scheiterst. Und wer weiß, vielleicht kapiert unser Hirn das auch irgendwann.

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