Archiv für den Monat September 2012

Sex und Gesellschaft

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Es ist ein altes Thema, vielleicht sogar ein leidiges, trotzdem ist es brandaktuell: was ist richtig oder falsch im Bezug auf sexuelles Verhalten? Damit gemeint sind nicht Dinge wie Verhütung oder Stellungen – es ist viel banaler. Die häufigste Frage, die ich von Frauen gestellt bekomme, wenn sie häufig wechselnde SexualpartnerInnen haben (und ja, nur Frauen fragen das – Männer haben mit diesem Umstand nach wie vor keine Schwierigkeiten!), lautet: „Bin ich eine Schlampe?“ oder so etwas wie „Bin ich verhurt?“. Mich erschreckt die Frage jedes Mal wieder, vor allem, weil sie von Frauen zu kommen scheint, die sehr selbstbewusst mit sich, ihrem Körper und ihrer Sexualität umgehen.

Und dann – auf der anderen Seite – bin ich dann doch nicht so schockiert: wurde uns nicht all die Jahre und Jahrzehnte und im Grunde sogar Jahrhunderte (wenn man nach Bourdieu geht) gesagt und mitgegeben, dass eine Frau eine unterlegene Sexualität hat (selbst Freud hat das noch geglaubt) und war es nicht schon in der Kindheit ein Thema, was man anzuziehen hat und was nicht? Wurde nicht Madonna in den frühen Neunzigern von der Mehrheit der (weiblichen!) Bevölkerung als Hure und Schlampe bezeichnet, weil sie sich über ihre Sexualität geäußert hat und weil sie so frei und offen damit umgegangen ist?

Madonna in den frühen 90ern

Und ist es nicht verwunderlich, dass diese Bilder vermutlich auch 20 Jahre nach ihrem Entstehen für einen leichten, leisen Schock sorgen? Und zwar eindeutig nicht, weil jemand das in der Öffentlichkeit macht, sondern weil es überhaupt jemanden gibt, der sich zu seiner Sexualität bekennt und sie als Vorbild (und natürlich auch aus Publicity-Gründen) darstellt?

Im Grunde bleibt nur eines zu sagen: Sexualität ist Privatsache. Was jemand macht oder mit wem oder aus welchem Grund, das geht nur die handelnde/n Person/en etwas an und wer jemand anderen dafür verurteilt, tut das wahrscheinlich nur aus einem Grund: Neid. Und wir selbst? Verurteilen uns auch dafür. Und damit ist eines der Ziele der Emanzipation nicht erreicht, nämlich die Befreiung der Sexualität aus der gesellschaftlichen/kirchlichen Umklammerung.
Und noch eins: wir haben unsere Körper, um gut damit umzugehen. Und gut bedeutet: pass drauf auf – aber das bedeutet bei weitem nicht, zu Dingen, die man gerne hat, nein zu sagen. Vielmehr bedeutet das, von Krankheiten und anderen schädlichen Einflüssen Abstand zu halten und Verantwortung für das eigene (Sexual)Leben  zu übernehmen.

Das ist eine wesentliche Aufgabe der Sexualerziehung und später auch der Sexualpädagogik.

 

Nachtrag: Das Sexualverhalten von Frauen bzw. die Meinung über dieses Sexualverhalten ist historisch gewachsen. Zwar gab es immer Verhütungsmittel (wie zB Kondome aus Gedärmen und Leder), allerdings waren sie alle für den Mann oder sie waren Notfallsbehelfe für die Frau, wie zB eine Scheidenspülungen aus unterschiedlichen Kräutern. Erst in den 1960ern wurde das Verhütungsmittel für die Frau erfunden, das wir heute alle so schätzen: die Antibabypille. Erst durch sie wurde die selbstbestimmte Form der Sexualität für die Frauen möglich, wie man sie heute kennt. Trotzdem (oder vielleicht deshalb – am Anfang mussten Ärzte die Pille nicht verschreiben und es gab auch Befürchtungen, die Frauen könnten promisk leben) hat sich das alte Muster noch nicht verflüchtigt.

Männer konnten früher nie sicher sein, ob das Kind, das die Frau gerade austrug, von ihnen war. Deswegen (und natürlich wegen der ganzen Erbschaftsangelegenheiten) wurde den Frauen die Verantwortung für ihren Körper insofern entzogen, als man ihnen einredete, Sex sei nur für die Fortpflanzung und nur innerhalb der Ehe in Ordnung und alle außer- und vorehelichen sexuellen Beziehungen verteufelte. Dieses System hat sich über die Jahrhunderte bewährt und verfestigt und findet auch heute noch in ihrer Restriktion gegen die freie Ausübung der weiblichen Sexualität ihre Ausprägung.

 

Bourdieu: „Die gesellschaftliche Welt ist akkumulierte Geschichte.“