Archiv für den Monat August 2012

Timing

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Eine häufige Frage, die Menschen sich grundsätzlich immer wieder stellen und die auch Thema in Sexualberatungen bzw. sexualpädgogischen Workshops ist, lautet: wie weiß ich, dass er/sie will? Und eine andere, recht ähnliche: wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um einen Schritt weiterzugehen? Oder anders: wie weiß ich, ob der Schritt, den ich gerade tun möchte, zu viel oder zu wenig oder vielleicht sogar gerade richtig ist?

Die häufigste Antwort ist dann, wenn man zum Beispiel einen Freund oder eine Freundin fragt: das spürst du dann. Ist auch die häufigste Antwort auf: wie weiß ich, dass es Liebe ist? Wann ist der Zeitpunkt für’s erste Mal (das ist die mit Abstand häufigste Frage bei Jugendlichen!)? Wie weiß  ich, ob eine Beziehung an ihrem Ende angelangt ist? Wie weiß ich, ob ich bereit für Kinder/Zusammenziehen/Heiraten bin?  Und so korrekt diese Antwort ist (sie kommt ja nicht von ungefähr, sondern speist sich aus dem persönlichen Hintergrund und aus den Erfahrungen der Person, die da bereitwillig antwortet), so hilflos ist die fragende Person, wenn sie mit dieser Reaktion leben muss und daraus vielleicht etwas basteln soll. Denn die Grundfrage ist ja: WIE und WO spürt man, dass/ob es richtig ist, was man da tun möchte?

Es gibt jetzt viele Möglichkeiten, wie man die Beantwortung der Grundfrage angeht. Eine ist, zu hinterfragen, warum Menschen ihre Gefühle in Zweifel stellen. Eine andere, ein paar anatomische und organische Antworten zu geben. Und wieder eine andere, zur Grundantwort – das spürst du schon – zurückzukehren.

Ich – und mit mir viele TherapeutInnen und BeraterInnen – bin der Ansicht, dass Menschen wissen, was sie wollen. Sie wissen, was sie fühlen und sie wissen auch, in welcher Intensität sie die Dinge herbeisehnen. Also wäre die erste Antwort, die niemand hören will: du weißt, was du willst! In dir ist die Antwort längst da. Sie äußert sich durch deine Frage. So viel zur Tiefenpsychologie.

Instanzenmodell nach Freud

Die Grafik verdeutlicht, was ich damit meine und spricht gleich noch eine Ebene an: die der Außenwelt, also der Normen und Werte. Will heißen, alle Fragen im Bezug auf Beziehung und Sexualität sind durch die Gesellschaft, in der wir leben, (mit)bestimmt und haben in der sozialen Realität, durch die wir geprägt wurden, einen hohen Stellenwert in unserem Empfinden und Erleben – auch oder vielleicht sogar besonders dann, wenn wir es nicht so empfinden (möchten)!

Für besonders Interessierte: Sozialisation (vgl. Pierre Bourdieu: „Sozialisation ist akkummulierte Geschichte.“)

Wir sind also Teil dieser Gesellschaft und reproduzieren durch unsere Gedanken und Gefühle, was wir erlernt haben. Im Bezug auf Sexualität ist diese Prägung eine besonders vielschichte und widersprüchliche. Während in den letzten Jahrhunderten die romantische Liebe überhaupt erst entstand, hat sich die Befreiung des Körpers von den Zwängen der Kirche und der gesellschaftlichen Anforderung der Triebbeherrschung erst in den letzten Jahrzehnten zu vollziehen begonnen. Und auch wenn manche Sexualwissenschaftler die sexuelle Revolution als nicht ungefährlich für die Lust (die ja auch durch das Verbotene angestachelt wird) sehen (vgl. Volkmar Sigusch – Die neosexuelle Revolution), so denke ich, dass die Wahrnehmung der Sexualität und der körperlichen und seelischen Bedürfnisse zu den wunderbarsten Entdeckungen des 20. und 21. Jahrhunderts gehört – wir fühlen und das ist gut so!

Worauf will ich hinaus? Ich möchte sagen, dass wir immer schon wussten, was wir wollten. Und dass die Gesellschaft, die Kirche, die Normen und nicht zuletzt wir selbst uns verboten haben, zu empfinden, was nun mal da war: sei es Lust oder eben keine Lust (das ist noch immer tabuisiert, vor allem bei Männern), sei es das Begehren des eigenen Geschlechts, Selbstbefriedigung, Fetisch oder die Freude am Partnertausch. Durch das Verbieten entstand eine Schwelle und diese Schwelle wird durch Sozialisation weitervererbt. Wir lernen, uns zu beherrschen. Es gibt Wissenschaftler, die der Ansicht sind oder waren, dass diese Selbstbeherrschung Teil des erwachsenen Ichs ist.

Was also müssen wir tun? Wir müssen uns fühlen trauen! Wir brauchen inzwischen Mut, um unsere Gefühle wahrzunehmen. Ein Outing, nur als Beispiel, ist die Akzeptanz von Gefühlen. Und es beginnt in sich selbst. Ein Outing beginnt nicht damit, dass man anderen sagt, was man empfindet, sondern dass man es in sich fühlt und dann danach handelt. Und so gesehen, ist jede sexuelle oder emotionale Handlung, wie ein Kuss oder eine Berührung eine ist, ein Outing. Eines, das in einem selbst und dann erst mit jemand zweitem stattfindet.

Wir brauchen also nicht nur Mut, sondern auch Zeit. Und „hör auf deinen Bauch“ ist kein schlechter Ratschlag. Wieder zur Grundfrage: wo und wie spürt man, was passt? Also, im Bauch ist unser zweites Hirn. Der Darm besteht aus einer gigantischen Anzahl von Nervenzellen und in ihm machen sich Emotionen besonders dann bemerkbar, wenn wir gerade dabei sind, sie zu verdrängen.

Im Bezug auf Sexualität gibt es noch einen zweiten, besonders hilfreichen Partner – das Wort Sexualität leitet sich vom lateinischen sexus ab: das bedeutet Geschlecht. Unser Geschlechtsorgan weiß also ziemlich genau, ob und wie viel und worauf wir gerade Lust haben. Dabei sind die tatsächlichen körperlichen Reaktionen (wie eine Schwellung oder ein Feuchtwerden) eher zweitrangig. Lange, bevor wir eine körperliche Auswirkung der Situation wahrnehmen, gibt es ein Gefühl im Geschlechtsorgan. Es ist so eindeutig, dass man es nicht erklären muss – selbst Kinder wissen genau, was dieses bestimmte Kribbeln zwischen den Beinen bedeutet. Nur dass sie darauf reagieren und Erwachsene tun das nicht. Und weil Erwachsene es ist nicht tun – sie verschieben ihre Lust – verlernen einige von ihnen, ihre Gefühle wahrzunehmen und eindeutig einzuordnen.

Um das – bevor der Artikel ein Buch wird – deutlich zusammenzufassen: wir wissen, was wir wollen und wir wissen auch, wann und in welchem Umfang wir etwas wollen. Ein guter Hinweis auf Situationen, in denen das Timing in Frage gestellt wird (und meist sind es eben die gesellschaftlichen Anforderungen und/oder das eigene Selbstwertgefühl, das uns abhält), ist: wenn alles in dir JA sagt, dann ist es JA. Wenn einiges JA und irgendetwas  NEIN sagt, dann ist es NEIN. Wir alle kennen das. Und trotzdem folgen wir dem Gefühl nicht.

Und in diesem Fall bedeutet Back to the roots: zurück zu den Ursprüngen unserer Gefühle. Als Kinder wussten wir, was wir wollten. Also holen wir es doch wieder raus!

Beziehungsstatus: selbstständig

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Die Vision, dass Beziehungen perfekt sind oder zumindest sein sollten, begleitet uns von früher Kindheit an. Nicht nur, dass wir unsere Eltern und all jene Menschen, die in unserer nächsten Umgebung unser Heranwachsen begleiten, als Vorbilder akzeptieren und von ihnen die Formen und Normen, wie Beziehungen funktionieren, erlernen. Nein, zusätzliche Prägung erfahren wir durch alle Formen der medialen Darstellung von (vermeintlich) glücklichen Beziehungen: durch Lieder (alte Schlager und neue Chartbreaker), Filme (Klassiker und moderne Märchen; die sogenannten „RomComs“ sind ein wichtiger Geschäftszweig), Bücher (vom „jungen Werther“ bis „Twilight“) – sie alle propagieren die eine, die wahre, die einzige und ewige Liebe. Die, die ohne Schwierigkeiten ist, sobald sie begonnen hat. Sobald die (zwei!) Menschen den Weg zueinander gefunden haben, sind die Probleme vorbei. Deswegen bestehen die meisten Drehbücher und Romantexte auch aus dem Weg zur Liebe und nicht aus dem, was danach kommt. Und das nehmen wir mit. Wir suchen und nehmen so vieles auf uns, um zu finden, was uns versprochen wurde: Schmähungen und Rückschläge. Komplimente von Menschen, die uns nicht interessieren und dabei nehmen wir auch in Kauf, dass wir uns für Menschen interessieren, mit denen wir nichts gemeinsam haben. Weil wir auf der Suche sind.

Irgendwann begegnen wir dann einer Person, die das Herz hüpfen lässt, die Schmetterlinge im Bauch tanzen und die Hormone spielen verrückt. Nachdem die erste Phase der Verliebtheit vorbei ist (Studien zufolge ist es nach spätestens einem Jahr soweit), überprüfen wir den Partner/die Partnerin auf ihre Beziehungsfähigkeit. Und in Wahrheit beginnt erst dann der Kampf. Im weiteren Verlauf einer Verbindung werden wir mit unseren Erwartungen und den Wunden unserer Vergangenheit konfrontiert und zusätzlich auch mit jenen des Partners/der Partnerin. Diese Konfrontation führt zu Missverständnissen und Kränkungen, diese wiederum zu Streit, mitunter ohne Ausweg und dann vielleicht oder sogar wahrscheinlich zu einer Trennung.

Quelle: testedich.at

wir geben gerne anderen die Schuld

In unserer anerzogenen Eigenschaft, Beziehungen nur dann als glücklich oder funktionierend zu betrachten, wenn sie konfliktfrei verlaufen bzw. sehr bald ein konstruktiver Kompromiss gefunden wird, beginnen wir in einer ernsthaften Auseinandersetzung allzu leicht, an der Beziehung und der Tragfähigkeit dieser Liebe zu zweifeln. Unter anderem entsteht ein schlechtes Gewissen, wenn wir nein sagen. „Nein, ich will das nicht.“ „Ich möchte alleine sein.“ „Ich möchte nicht zusammenziehen/heiraten/Kinder bekommen.“

Um die Beziehung zur geliebten Person aufrecht erhalten zu können, müssen wir uns fragen: ist es tatsächlich ein Zeichen für mangelnde Liebe, wenn wir mal nein sagen? Oder wenn wir nicht die gleichen Ziele verfolgen? Und im Endeffekt bleibt die Frage: und wenn kein Kompromiss gefunden wird, können wir dann zusammenbleiben? Sind wir noch ein Paar, wenn er/sie/ich allein sein/(nicht) zusammenziehen/heiraten/Kinder möchte? Diese eine Frage begegnet uns, auf die eine oder andere Weise, in jeder Beziehung. Und das ist nicht nur natürlich, es ist sogar notwendig. Wir sind eigenständige Menschen – bis wir eine Beziehung eingehen!? Was wie Sarkasmus klingt, ist die blanke Realität. Wir vergessen gerne, dass wir Charaktere sind, die ohne diese eine Beziehung existiert und gelebt haben und auch, dass wir zuvor ebenfalls glücklich waren, nicht erst, als wir diese eine, diese besondere Person trafen. Und auch, wenn wir nun Teil eines gemeinsamen Lebens sind, bedeutet das nicht, dass wir nicht mehr wir selbst sind: mit unseren Eigenheiten, Stärken, Schwächen und mit unseren Grenzen! Diese Charaktereigenschaften haben uns zu dem Menschen gemacht, der von unserem Gegenüber geliebt wird. Warum sie also aufgeben? Weil wir, wie schon mehrmals erwähnt, erwarten und hoffen, dass diese eine, diese ewige und einzig wahre Liebe unser Lebensglück beinhaltet und wir deswegen, auch weil wir auf dem Weg dorthin oft schon Entbehrungen auf uns genommen haben, bereit sind, auf vieles zu verzichten: wir verlieren uns in Beziehungen. Das geschieht vielen Menschen, die meisten bekommen es erst mit, wenn sie es nicht ohne große Schnitte rückgängig machen könnten – der Zeitpunkt, an dem die Liebe in die Brüche geht.

Was also tun? Es klingt einfach, ist aber schwierig: sei du selbst. Bleib du selbst. Steh zu dir. Du bist super, wie du bist. Und wenn du dich veränderst, so geschieht das durch dich und nicht durch deine/n PartnerIn! Wir haben Angst, vor Verlust und vor Verletzungen. Dass die Wahrscheinlichkeit, verletzt zu werden und jemanden zu verlieren, größer ist, wenn wir nicht selbst sind, vergessen wir gerne.

Und falls es endet, gibt es doch einen wichtigen Hoffnungsschimmer: die nächste Beziehung kommt bestimmt. Und damit eine neue Chance, wir selbst zu sein.

Weiterlesen:

Phasen der Partnerschaft – focus.de
Wenn aus Leidenschaft Liebe wird – welt.de

Hilfsmittel

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Jede und jeder von uns hat das schon mal gesehen: Dinge, die Sex versprechen. Oder anders: sexuelle Lust. Sexuelle Attraktivität.

Und hier meine ich nicht einfach diese standardisierten pornographischen Werbungen, wenn man sich im Internet einen Film ansieht. Ich meine das, was einem im Alltag – im Geschäft oder einfach, wenn man fernsieht, begegnet.

So etwas meine ich beispielsweise:

Schuhbeck's Gewürze - Sexgewürz

Ich sah dieses Gewürz vor einigen Monaten in einem Wiener Supermarkt und dachte bei mir: ach, das jetzt auch schon? Ich vermute, wie auf dem Bild über der Beschriftung angedeutet, sind aphrodisierende Gewürze enthalten. Man schreibt folgenden Lebensmitteln aphrodisierende (= sexuell anregende) Wirkung zu:

  • Spargel
  • Anis
  • Ingwer
  • Chili
  • Schokolade
  • Ginseng

und sicher noch jede Menge mehr. Jedenfalls verbindet man mit diesen Gewürzen und Nahrungsmitteln eine die Libido steigernde Reaktion. Und was eigentlich etwas für den Hausgebrauch ist, wird von einem findigen Koch und einer Werbeagentur als Verkaufsargument missbraucht.

Bitte mich nicht falsch zu verstehen: ich verurteile niemanden und sogar nicht einmal eine Firma, wenn er/sie etwas zur Libidosteigerung versucht. Problematisch ist es meiner Ansicht nach allerdings dann, wenn für alles nur ein Mittelchen gefunden werden muss, damit’s „wieder läuft“. Denn: ist nicht genau diese Person das Ziel solcher Werbeavancen? Jemand, der in seiner Verbändelung (welcher Art auch immer diese sein mag) ein sexuelles Gefühl, das er/sie aus den Anfangstagen/-stunden dieser Verbindung noch kennt, an das er/sie sich noch erinnert, aber eben nicht mehr so wahrnehmen kann, vermisst. Und zwar so schmerzlich vermisst, dass er oder sie so vieles zu tun bereit ist, sei es, Sexgewürz unter die allabendliche Speise zu mischen oder auch einen Schritt weiterzugehen und für diese Beziehung ungewöhnliche Spielarten der Lust vorzuschlagen oder anzuwenden.

Oder aber – und hier ist, was ich eigentlich sagen wollte: sexuelle Lust kriegt man am Anfang einer Beziehung geschenkt. Dann lässt der Hormonschub aus der Verliebtheitsphase etwas nach (zum Glück, Menschen werden auf Dauer völlig verrückt von dem Hormoncocktail) und wir sehen den Menschen, wie er ist: auch mal mürrisch oder faul. Oder krank. Und niemand ist perfekt. Da fällt es dann schwer, ganz ungestüm jemanden zu erobern, den man ja eigentlich schon kennt.

Also muss man was dafür tun – beziehungsweise: nein, man muss nicht. Aber man kann. Und das reicht vom simplen Gedanken: „das finde ich schön an dir“ und dem Versuch, etwas Spannung durch einen Überraschungseffekt einzubringen bis hin zur Paar- bzw. Sexualberatung. Es gibt Möglichkeiten! Und weil jede Verbindung einzigartig ist, gibt es auch keinen Standardsex. Zum Glück.

Und das Gewürz? Ist zum Drüberstreuen.