Archiv für den Monat Oktober 2011

Typisch?

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Wie viel wissen wir eigentlich von den Menschen, die als „schwul“ oder „lesbisch“ oder auch „bisexuell“ bezeichnet werden? Jede und jeder hat damit einen eigenen Umgang, und sei er noch so problematisch. Es gibt eine Art gesamtgesellschaftliche Übereinkunft, dass „die da“ ja machen können, was sie wollen – allerdings bitte im eigenen Bett (aha! Homosexualität ist nur was für’s Bett …!) und in den „eigenen vier Wänden“. Einige Menschen würden vielleicht noch hinzufügen, dass es Rechte für Homosexuelle geben soll oder muss und wieder einige weniger würden diese Rechte auch aktiv einfordern. So ist also Homo- oder Bisexualität zu einem politischen Thema geworden, das keiner weiteren Betrachtung als der durch die juristische Brille bedarf.

Oder nein – es wurde zu einem politischen Thema degradiert, denn was nicht gern gesehen oder gehört wird, ist: von der heterosexuellen Norm abweichende sexuelle oder andere Beziehungen werden gern oder oft ausgeblendet – „net amoi ignorieren“ oder so ähnlich. Diese Vorgehensweise (und niemand möchte sagen, dass es sich dabei um eine bewusste Vorgehensweise handelt!) hat sogar einen Namen: Heteronormativität und sie ist viel, viel weiter verbreitet als die bewusste Anerkennung von unterschiedlichen L(i)ebensweisen.

Man könnte jetzt sagen, es gibt einige unterschiedliche Weisen, Homo- und Bisexualität (oder jeder anderen Form von Sexualität) zu betrachten:

  1. Ignorieren (also bewusstes „nicht wahrnehmen“)
  2. Schwul ist exotisch – also der Fokus auf das Außergewöhnliche, auf Events wie den Life Ball oder die Regenbogenparade u.ä.
  3. Jede Art von Sexualität ist ok, solang  Erwachsene daran beteiligt sind und niemand gezwungen wird.
  4. Sexualität ist Politik. Für die Rechte von Homosexuellen, Bisexuellen und deren Kinder (vgl. „Regenbogenfamilien“) müssen alle kämpfen, nicht nur die Betroffenen selbst.
  5. Homosexualität ist ekelhaft und muss bekämpft werden, notfalls aus einem religiösen oder biologistischen bzw. auch ideologischen Motiv heraus (vgl. Homophobie)

Diese Liste kann man fast beliebig lange fortsetzen!

Auf welcher Seite stehen die Vorurteile, die Bilder, die Klischees? Man müsste fast sagen: auf jeder Seite – es gibt keine Betrachtungsweise ohne Klischees oder Stereotypen, ohne Vorurteile und Meinungen. Sogar Betroffene selbst haben eindeutige Bilder in sich, anhand derer sie die „homosexuelle“ und die „heterosexuelle“ Welt einteilen. Und ein Schritt weiter: es gibt kaum Menschen ohne Vorurteile!

Und deswegen fallen Klischees jedem von uns ein. Dass eine Lesbe ein dickes Mannsweib mit Maschinen-Haarschnitt ist, sie keinen Mann abgekriegt hat, sie an Penisneid leidet, sich schlecht kleidet, Bier trinkt und Fußball spielt. Dass sie eine langjährige, von Eifersucht geprägte Beziehung ohne Sex führt. Überhaupt ist sie ein männerhassendes, feministisches Monster, sehr „öko“ oder „eso“. Dass ein Schwuler hübsch und gepflegt ist, ein bisschen weibisch vielleicht, aber auf jeden Fall promisk und oberflächlich, also ein verhindertes Mädchen. Er tanzt die ganze Nacht mit unterschiedlichen Männern, auf Droge vielleicht, aber auf jeden Fall mit Poppers in der Nase, Sex hat er dann im Darkroom und das ohne Kondom, weswegen alle Schwulen AIDS haben. Mit der hohen Stimme, dem tuntigen Auftreten und der geschraubten Ausdrucksweise ist der Paradeschwule also perfekt.

Von den Vorurteilen über Bisexuelle gibt es auch genug: meist eine Frau, die nymphoman ist, untreu und gut aussehend, dass es nicht um Liebe, sondern um Sex geht. Dass es demnach bei Bisexuellen keine festen Bindungen gibt, die Geschlechtskrankheiten also Hochzeit feiern. Natürlich können sie sich nicht zwischen den Geschlechtern entscheiden, weswegen sie sich einbilden, in Menschen beider Geschlechter verliebt sein zu können – „in den Menschen und nicht in das Geschlechtsorgan!“.

Klischee??

Was bleibt also übrig, das alles mit Humor zu nehmen?

Oder ist das „mit Humor nehmen“ auch schon wieder falsch, weil es Vorurteile und Klischees bedient und vielleicht sogar untermauert?

Nur eines ist fix: wir sollten nie aufhören, die Klischeebilder, die wir in uns haben, zu hinterfragen. Nicht nur im Hinblick darauf, was davon in uns verhaftet in Form eines Vorurteils ist, sondern auch Witze, die vielleicht ins Respektlose abdriften und mit „Schmäh“ nicht mehr zu erklären oder wegzuwischen sind. Wenn Witze oder Vorurteile zu handfesten Diskriminierungen werden, dann ist es Zeit, einzugreifen. Das betrifft alle Arten von Vorurteilen gegen alle Minderheiten, nicht nur gegen homo-, trans- und bisexuelle Menschen.

Wir sprechen auch in unseren Workshops über Homosexualität und Klischees. Komm einfach vorbei, du bist herzlich willkommen!

Diskriminierung oder was?

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Gleichbehandlungsgebot im Zusammenhang mit einem Arbeitsverhältnis

§ 17. (1) Auf Grund der ethnischen Zugehörigkeit, der Religion oder Weltanschauung, des Alters oder der sexuellen Orientierung darf im Zusammenhang mit einem Arbeitsverhältnis niemand unmittelbar oder mittelbar diskriminiert werden, insbesondere nicht

1. bei der Begründung des Arbeitsverhältnisses,
2. bei der Festsetzung des Entgelts,
3. bei der Gewährung freiwilliger Sozialleistungen, die kein Entgelt darstellen,
4. bei Maßnahmen der Aus- und Weiterbildung und Umschulung,
5. beim beruflichen Aufstieg, insbesondere bei Beförderungen,
6. bei den sonstigen Arbeitsbedingungen,
7. bei der Beendigung des Arbeitsverhältnisses.

Begriffsbestimmungen

§ 19. (1) Eine unmittelbare Diskriminierung liegt vor, wenn eine Person auf Grund eines in § 17 genannten Grundes in einer vergleichbaren Situation eine weniger günstige Behandlung erfährt, als eine andere Person erfährt, erfahren hat oder erfahren würde.

(2) Eine mittelbare Diskriminierung liegt vor, wenn dem Anschein nach neutrale Vorschriften, Kriterien oder Verfahren Personen, die einer ethnischen Gruppe angehören, oder Personen mit einer bestimmten Religion oder Weltanschauung, eines bestimmten Alters oder mit einer bestimmten sexuellen Orientierung gegenüber anderen Personen in besonderer Weise benachteiligen können, es sei denn, die betreffenden Vorschriften, Kriterien oder Verfahren sind durch ein rechtmäßiges Ziel sachlich gerechtfertigt und die Mittel sind  zur Erreichung dieses Zieles angemessen und erforderlich.

(3) Eine Diskriminierung liegt auch bei Anweisung einer Person zur Diskriminierung vor.

(4) Eine Diskriminierung liegt auch vor, wenn eine Person auf Grund ihres Naheverhältnisses zu einer Person wegen deren ethnischer Zugehörigkeit, deren Religion oder Weltanschauung, deren Alters oder deren sexueller Orientierung diskriminiert wird.“ (zitiert nach dem österreichischen Gleichbehandlungsgesetz, Fassung 2004)

Natürlich bezieht sich das Gesetz nicht ausschließlich auf den Arbeitsbereich, aber dort sollte es zuerst Anwendung finden. Dass Österreich die Minimal-Version dieser EU-Richtlinie (Originaltext, Jahr 2000) umgesetzt hat, ist leider auch Fakt und war Gegenstand zahlreicher Diskussionen (siehe unten).

Und wenn man die Entwicklung der Rechte von Homosexuellen in den letzten 3 Jahrzehnten (beginnend mit dem Stonewall-Aufstand von 1969) betrachtet, müsste man vielleicht denken, dass die Träume einer Gleichberechtigung, einer Normalisierung zum Greifen nah sind. Dass es keine Überwindung kostet, heute dazu zu stehen, wenn eine Frau eine andere Frau sexuell attraktiv findet oder wenn ein Mann einen anderen Mann liebt und mit ihm ein gemeinsames Leben, eine Familie, aufbauen möchte. Dass ein Outing nicht mehr notwendig wäre. Dass es Antidiskriminierungsgesetze nicht geben müsste, weil es gesellschaftlich anerkannt ist, homosexuell zu leben und zu lieben. Doch dem ist wohl nicht so?! Oder sind einige Betroffene so etwas wie überempfindlich? Darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

Fakt ist: es gibt noch immer Berichte über Ausgrenzungen und Ablehnung, im Tourismus, auf der Straße und im Job. Gerade in der Arbeitswelt fällt das oft unter sexuelle Belästigung (zum Beispiel, wenn – ganz klischeehaft – homosexuelle Frauen und Männer anzügliche Witze präsentiert bekommen, die auf ihr Privatleben anspielen), weniger unter Diskriminierung wegen sexueller Orientierung. Die Gesetzgebung ist gerade in Österreich in diesem Zusammenhang nicht wirklich weit. 2004 wurde die EU-Richtlinie in Minimalform umgesetzt und auch als 2010 die Eingetragene Partnerschaft in Kraft trat, hat Österreich den politischen Widerwillen zum Ausdruck gebracht (siehe hierzu: Rechtskomittee Lambda und Pride – Das lesbisch/schwule Österreichmagazin online). Genauere, auch rechtliche Informationen zur EP („Eingetragenen Partnerschaft“) findet man hier: partnerschaftsgesetz.at.

Was also sagen uns diese Fakten, aber auch die Erfahrungen und vielleicht auch die Bilder, die wir von lesbischen Frauen und homosexuellen Männern ins uns haben? Dass noch viel zu tun ist, könnte man darauf antworten. Andere könnten erwähnen, dass es vielleicht zu viel Lärm um diese Art der Lebensführung gibt – nach dem Motto „Ich sag ja auch nicht, dass ich hetero bin!“ – und dass eben dieser Lärm die Diskriminierung erst anheizt. Natürlich gibt es auch religiöse Menschen, die sagen, dass es keiner Ehe und keiner Gleichstellung bedarf, die gesamte Debatte also obsolet ist, weil Gott und die Bibel die (sexuelle) Liebes-Beziehung zwischen Menschen des gleichen Geschlechts als Sünde betrachtet und deswegen streng verboten haben. Ins gleiche Horn stoßen rechte und konservative Parteien, wenn auch nicht unbedingt aus religiösen Gründen.

Auf der einen Seite also die Fakten: es gibt Menschen, die homosexuelle Empfindungen (romantischer wie sexueller Natur) haben und sie sind unterschiedlichen Herausforderungen ausgesetzt, die andere Menschen nicht durchleben müssen – vor allem im Bezug auf gesellschaftliche und leider auch rechtliche Diskriminierung.

Ist also alles dunkel am LGBT-Himmel? Oh nein, es dämmert längst. Nicht nur die rechtlichen Rahmenbedingungen haben sich nach Jahrzehnten der Kämpfe, nach Protesten, Petitionen sowie prominenten Betroffenen wie Ellen DeGeneres, Jodie Foster, Elton John oder George Michael und noch prominenteren FürsprecherInnen wie Elizabeth Taylor (†), Marlene Dietrich (†), Bette Midler oder Madonna, geändert. Auch die gesellschaftlichen Bereiche haben nachgezogen, oftmals, wie zum Beispiel bei Regenbogenfamilien, sind sie längst Realität bevor der Gesetzgeber sich aufrafft, Dinge anzuerkennen und sie auch offiziell abzusichern. Sieht also ganz so aus, als wäre das alles erst der Anfang.

Wir sprechen auch in unseren Workshops über Homosexualität, schau einfach mal vorbei, wenn dich das Thema interessiert!