Sexual- und Paarberatung

Standard
Sexual- und Paarberatung

Ab sofort bieten wir als Verein Beratungen an.

Ab sofort bietet unsere Obfrau Sara Mayer-Mraz als Lebensberaterin in Ausbildung unter Supervision Beratungsstunden für Einzelpersonen, Paare und andere einander nahestehende Personen (throuples, enge Freundschaften, WG-Bewohner*innen, …) zum reduzierten Tarif von 30 Euro pro Stunde (Erstgespräch € 5,–) an.

Schwerpunktthemen:
* Alternative Beziehungsformen
* ALGBTIQ*-Beziehungen und Outingprozesse
* Außenbeziehungen
* Identitätsfindungsprozesse
* Berufsorientierung und Studienwahl
* Prozesse des Abschließens und Loslassens, des Neubeginns sowie
* Erziehungsthemen.

Sie finden in entspannter, respektvoller Atmosphäre eine Gesprächspartnerin auf Augenhöhe. Die Anerkennung aller noch so widersprüchlichen Gefühle, die Möglichkeit, Dinge aus einer neuen Perspektive zu betrachten und ein lustbejahender, lebensfroher Zugang sind die Kennzeichen einer Beratung bei Sara Mayer-Mraz.

Rufen Sie an, schreiben Sie ein Mail. Wir bieten auch kurzfristige Termine an! Gemeinsam finden wir im Erstgespräch heraus, was die aktuellen Themen in Ihrem Leben sind und ob eine Beratung Sinn macht und helfen kann. Fragen kostet nix + beim Reden kommen die Leut‘ zam!

Argumentation für sexualpädagogische Workshops durch externe Expert*innen/Vereine

Standard
Argumentation für sexualpädagogische Workshops durch externe Expert*innen/Vereine

Angesichts aktueller Entwicklungen in Österreich haben wir uns als Vereinsvorstand dazu entschlossen, folgende Stellungnahme publik zu machen:

 

Gemäß dem Erlass für Sexualpädagogik haben Schüler*innen das Anrecht auf wissenschaftlich korrekte Informationen im Bereich der menschlichen Sexualität. Sie sollten altersadäquat und auf dem Stand der pädagogischen Entwicklung vermittelt werden. Soweit gibt es einen breiten gesellschaftlichen und politischen Konsens. Bei der tatsächlichen Ausgestaltung jedoch gibt es große Unterschiede in den Vorstellungen und Ideen.

In der vorliegenden Stellungnahme erläutern wir folgende Punkte:

  • Qualifikation
  • Praktische Grenzen der Lehrkräfte
  • Praktische Grenzen der schulischen Strukturen
  • Anonymität/Unvoreingenommenheit
  • Expert*innen auf ihrem Gebiet
  • Diskussionsfreiräume
  • Vertrauensprinzip

Außerdem formulieren wir im Anschluss einen Vorschlag für die weitere Vorgehensweise für sexualpädagogisch tätige Personen und Vereine.

 

Ein wesentlicher Punkt, warum es in unseren Augen so starke Unterschiede in der Umsetzung des sexualpädagogischen Auftrags gibt, ist die Vorstellung darüber, wie so ein Workshop abläuft. Dazu muss man wissen, dass es in einem sexualpädagogischen Workshop keine Übergriffe gibt, jedenfalls dann nicht, wenn er von qualifiziertem Personal geplant, durchgeführt und auch supervisorisch durch eine erfahrene sexualpädagogisch ausgebildete Person nachbearbeitet wird. Diese Kompetenz ist am ehesten bei sexualpädagogisch ausgebildeten (und damit ist nicht ein vierwöchiger Kurs gemeint!) und insgesamt von Pädagog*innen oder Psycholog*innen sowie anderen Personen, die eine fundierte Ausbildung in sozialwissenschaftlichen Studien oder pädagogischen Berufen vorweisen können oder sich in ihr befinden, zu erwarten.

Natürlich sind Lehrkräfte ebensolche pädagogisch ausgebildeten Personen, allerdings sind sie nicht automatisch sexualpädagogisch ausgebildet und jede Lehrkraft hat ihren eigenen für sie wichtigen Schwerpunkt. Auch Biologie-, Ethik-, Deutsch- und Religionslehrpersonen haben nicht automatisch einen sexualpädagogischen Schwerpunkt, auch wenn nun von ihnen erwartet wird, hier die „eierlegende Wollmilchsau“ zu sein. Lehrpersonen sind heute nicht einfach nur noch die frontalvortragenden Vorbilder, sie sind Ansprechpersonen für die persönlichsten Bereiche ihrer Schüler*innen, sie erfüllen sozialpädagogische und sozialarbeiterische Aufgaben. Es ist einfach unzulässig und auch ungerecht, ihnen nun auch noch sämtliches Spezialwissen (und die Sexualpädagogik ist nur einer von mehreren Themenbereichen) und die Durchführung möglichst zielgruppengerechter Workshops abzuverlangen. Nicht nur, dass der Lehrplan ohnehin sehr dicht ist und jedes Jahr mehr von Lehrkräften und Schüler*innen verlangt, es kann von niemandem erwartet werden, über Spezialwissen für sämtliche Themen zu verfügen.

Ein weiterer, sehr häufig vorgebrachter Grund, der für das Einsetzen externer Expert*innen spricht, ist die Anonymität. Sexualpädagog*innen gehen in die Schulen, Jugendzentren, Wohngemeinschaften und andere Einrichtungen als Fremde. Sie kennen die Schüler*innen, Bewohner*innen, Teilnehmenden nicht und sie werden auch von ihnen nicht gekannt. Dieser ganz neue Zugang, der ohne Vorgeschichte lebt und auch keine Nachgeschichte mehr bekommt, erlaubt es, einen unvoreingenommenen Workshop für beide Seiten zu finden und gemeinsam eine im Jetzt stattfindende Zeit zu gestalten, also einen zeitlich begrenzten Raum, der ein geschützter Raum ist. Sexualpädagog*innen kennen keine Vorinformation außer der, die die Personen von sich freiwillig preisgeben. Sie vergeben keine Noten. Sie werten nicht. Sie haben keinen Rotstift mit und das ist ein Symbol für viele Bereiche: Sexualpädagog*innen sind nicht Eltern, Erziehungsberechtige, Lehrkräfte, Sozialarbeiter*innen. Sie fällen keine Urteile, entscheiden nicht über Laufbahn und existenzielle Voraussetzungen. Diese Tatsache ist für alle Beteiligten der größte Vorteil, den es in diesen Workshops gibt. Es gibt keine wechselseitigen Ansprüche, die über die Zeit des Workshops hinausgehen. Und eben, weil es keine Abhängigkeiten gibt, können Fragen anders gestellt, Themen freier besprochen werden. Ein*e Sexualpädagog*in wird nicht rot, wenn jemand „ficken“ sagt, lacht nicht, wenn Wörter falsch ausgesprochen werden, urteilt nicht, wenn abfällige Bemerkungen fallen. Sexualpädagog*innen setzen Äußerungen, Worte, Werte in gesamtgesellschaftlichen, historischen, sozialen Kontext und klären über Zusammenhänge auf und das in der verlangten altersadäquaten Form.

Sexualpädagog*innen suchen sich ihr Thema ganz bewusst aus. Niemand plumpst aus der Universität und wird gezwungen, über Sexualität, Menstruation, Verhütung mit ihr*ihm unbekannten Jugendlichen, Kindern und Erwachsenen zu sprechen. Es ist ein frei gewählter Arbeitsbereich, ist also eine persönliche Entscheidung und viel spezifischer als beispielsweise Deutsch oder Sport zu unterrichten. Sexualpädagog*innen beantworten mit Freude Fragen zu körperlichen Funktionen, zwischenmenschlichen Beziehungen und Körperbildern. Das sind keine zufälligen Themen, die im Rahmen des als Beispiel erwähnten Deutsch- oder Sportunterrichts durchaus auftauchen können. Und weil diese Entscheidung eine so bewusste ist, sind Sexualpädagog*innen Expert*innen für ihr Thema. Zusammen mit ihrem Grundberuf, sei es die Sozialarbeit, die Sozialpädagogik, die Psychologie, die Behindertenarbeit oder anderes, haben Sexualpädagog*innen die Fähigkeit, sehr konzentriert und ohne Angst auf Fragen einzugehen.

Ein sexualpädagogischer Workshop, dauert er 2 Stunden, 3 Stunden oder den ganzen Tag, ist eine Ausnahme im Unterrichts-, WG- und Jugendzentrumsalltag. Er ist eine besondere Zeit für die Schüler*innen, Bewohner*innen, Teilnehmenden. Durch diesen besonderen Status ist nicht nur das Thema gründlich abgesteckt, er bietet auch einen Luxus, den es allzu oft nicht gibt bzw. nicht in dieser Form: Sexualpädagog*innen gestatten Diskussionen zwischen den Teilnehmenden nicht nur, sie ermutigen sie dazu, denn miteinander ins Gespräch zu kommen ist das wichtigste durch die Sexualpädagog*innen formulierte Ziel für die Teilnehmenden. Dafür wird in einem Workshop Raum gegeben, den es sonst aufgrund der eingeschränkten Zeitressourcen (beispielsweise wird in österreichischen Schulen größtenteils noch immer in einem 50 Minuten-Rhythmus unterrichtet) nicht gibt. Außerdem sind aufgrund der unbelasteten Beziehung zwischen Sexualpädagog*in und Gruppe Diskussionen viel freier, sie haben wie erwähnt keinerlei Konsequenzen, die über die Zeit des Workshops hinausgehen. Sie führen nicht zu schlechten Noten oder ähnlichem.

Hierfür ist es nötig, dass die Sexualpädagog*innen das Vertrauensprinzip verstehen, anwenden und verteidigen. Es ist mit dem Vertrauensprinzip in Psychotherapien, Beratungen und Ärzt*innen-Patient*innen-Gesprächen zu vergleichen und gilt für besonders sensible Bereiche (und die menschliche Sexualität ist ein ebensolcher Bereich, für den eine erhöhte Sensibilität absolut elementar ist). Das bedeutet in der Praxis, dass mit der pädagogischen Begleitperson (Lehrkraft, Sozialarbeiter*in, Sozialpädagog*in, Jugendbetreuer*in u.ä.) über die allgemeine Stimmung im Workshop gesprochen werden kann (und in unseren Augen auch soll), nicht jedoch über einzelne Aussagen einzelner Teilnehmer*innen. Diese Rezitation würde das Vertrauensprinzip empfindlich verletzen und kann großen Schaden anrichten. Das Vertrauensprinzip, das es beispielsweise in Beratungs- und Therapiesettings gibt, besagt, dass „nichts den Raum verlässt“. Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten, Beraterinnen und Berater sind daran auch rechtlich gebunden und können, wenn sie nicht besondere Gründe (beispielsweise Gefahr für Leib und Leben) vorweisen und nachweisen können, strafrechtlich belangt werden. Nun gibt es für Sexualpädagog*innen so eine rechtliche Bindung nicht, das Vertrauensprinzip aber, wie es hier formuliert wurde, ist Teil der professionellen Haltung.

Abschließend ist noch festzuhalten, dass die Situation für sexualpädagogische Workshops und sexualpädagogisch tätige Personen im österreichischen Schulsystem mehr als unbefriedigend ist. Da es weder eine allgemein zugängliche Liste tätiger Vereine noch eine fixe Budgetierung gibt, sind Schulen und Lehrkräfte bei der Wahl ihrer Mittel (und Expert*innen) auf sich gestellt. Nur so kann es passieren, dass es fundamentalistisch-ideologische Vereine gibt, die mit vorsätzlich falschen Informationen kostenlos in Schulen gehen und dort riesigen Schaden verursachen können. Daher schlagen wir folgende Vorgehensweise vor:

 

  1. Es braucht Akkreditierungen durch das Bildungsministerium. Nur vom Bildungsministerium akkreditierte Vereine sollen in Schulen gehen dürfen. Für diese Akkreditierung braucht es verbindliche Rahmenbedingungen und regelmäßige Kontrollen. Eine Akkreditierung muss in regelmäßigen Abständen erneuert werden und kann nicht unkontrolliert 20 Jahre oder mehr gelten.
  2. Es braucht eine gemeinsame Standesvertretung, die dem Bildungsministerium gegenüber Ansprechpartnerin für die sexualpädagogische Arbeit in Österreich ist. Gemeinsam mit der Standesvertretung können die Bedingungen für die Akkreditierung oder den Berufsbezeichnungsschutz für die Sexualpädagogik festgelegt werden.
  3. Es braucht eine für alle Schulen und außerschulischen Institutionen mit pädagogischer Verantwortung eine vom Bildungsministerium zur Verfügung gestellte Liste mit sexualpädagogisch tätigen Vereinen und Einzelpersonen.
  4. Um die Schulgeldfreiheit zu gewährleisten, muss das Bildungsministerium ein Budget für Sexualpädagogik zur Verfügung stellen. Im Gegenzug erklären sich die akkreditierten Vereine bereit, einen einheitlichen Tarif (der möglicherweise unter ihrem derzeitigen Tarif liegt) zu akzeptieren. Durch die einheitliche Bezahlung wird ein Entgeltkampf zwischen den Vereinen verhindert und gerechte Bedingungen für alle teilnehmenden Vereine geschaffen.
  5. Es darf auch weiterhin Vereine geben, die nicht vom Bildungsministerium akkreditiert sind. Sie dürfen aber nicht in Schulen tätig sein. So bleibt die Freiheit und Unabhängigkeit für andere Vereine erhalten.

 

Vorstand des Vereins pasiofeel – Lust und Liebe im Gespräch

Verein

Standard
Verein

liebe Interessierte,

liebe Leserin,

lieber Leser,

 

wie bereits angekündigt, hat pasiofeel sich im ersten Quartal 2018 grundlegend verändert. Wie vielleicht einige von euch bereits wissen, ist pasiofeel seit letztem Jahr nicht mehr nur eine Person, sondern drei! Wir, das sind Cornelia, Thomas und Sara, haben beschlossen, eine Organisation zu formen und haben uns für die Gründung eines Vereins entschieden. Zu dritt bilden wir den Vorstand, Sara gibt die Obfrau, Cornelia ist die Stellvertreterin und Schriftführerin und Thomas ist unser Kassier.

Zu einem Verein gehört eine Nummer, die Vereinsregisternummer und sie lautet in unserem Fall 1906153399, abrufbar ist unser gesamter Auszug hier, einfach „pasiofeel“ im Suchfeld „Vereinsname“ eingeben und schon sind alle Informationen abrufbar, die mit unserem Verein in Zusammenhang stehen. Auch ein Vereinskonto haben wir bereits eröffnet, daher sind ab sofort Spenden und Mitgliedschaften möglich. Unser Konto ist bei der Sparkasse Baden und hat die IBAN AT76 2020 5010 0004 0293 und wer möchte, kann uns etwas für einen Workshop oder die Öffentlichkeitsarbeit spenden, wir freuen uns darüber.

Wir würden gerne in Zukunft Workshops für diejenigen Institutionen anbieten, die sich Workshops sonst nicht leisten könnten, außerdem würden wir gerne mehr Öffentlichkeitsarbeit machen, um die Notwendigkeit von Sexualpädagogik zu erklären. Auch Elternrunden und Gesprächsangebote für Personen, die sonst keinen Zugang zu sexualpädagogischen Angeboten haben, sind geplant und kosten Geld (zB Miete, externe Referent*innen, …).

In Zukunft möchten wir Mitgliedschaften anbieten, die uns eine regelmäßige Förderung unserer Tätigkeiten ermöglichen. Alle Mitglieder bekommen einen Newsletter sowie einen jährlichen Tätigkeitsbericht. Um es allen so bequem wie möglich zu machen, werden wir die Beiträge abbuchen können, daran arbeiten wir gerade. Sobald diese Funktion verfügbar ist, wird es hier und auf der Homepage sowie natürlich auf unserer Facebook-Seite ein Beitrittsformular geben. Und wer weiß, vielleicht haben wir bald so viele Mitglieder und Förder*innen, um einen sexualpädagogischen Kongress zu veranstalten, ein neues Methodenhandbuch oder ein Buch über sexuelle Bildung veröffentlichen.

Für Fragen und Anregungen stehen wir natürlich jederzeit bereit!

Liebe Grüße von

Cornelia, Thomas & Sara

your story

Standard
your story

Pasiofeel startet mit neuen Ideen ins neue Jahr. Eine große Änderung wird noch im ersten Quartal 2018 durchgeführt – Genaueres dann hier und natürlich auf unserer Facebook-Seite.

Unsere neue Idee ist ein Aufruf: erzählt uns eure Geschichten unter unserem Motto „Wir reden darüber.“. Wir möchten deine/Ihre/eure Geschichte, deinen und Ihren und euren speziellen Blickwinkel zum Thema machen und veröffentlichen eure Sichtweise – in anonymisierter Form – auf diesem Blog.

Das Ziel? Klare Sprache und das Sichtbarmachen von Diversität. Es gibt viele Statistiken und Allgemeinplätze. Uns interessieren eure ganz persönlichen Gedanken, Eindrücke, Erlebnisse, die hinter diesen Statistiken und den allgemeinen Selbstverständlichkeiten stehen. Und wenn ihr glaubt, dass es irgendeine verrückte Story sein muss – nein! Einfach nur etwas, das ihr gerne aus eurem Erfahrungs- oder Gedankenschatz im Themenbereich der Sexualität erzählen wollt, das ist hier willkommen! Wir urteilen nicht, wir hören euch zu und wir freuen uns über euer Vertrauen in uns! Egal ob kurz oder lang, kinky oder vanilla oder ganz ohne Action: herzlich willkommen bei pasiofeel!

 

Eure

Cornelia, Thomas & Sara

Angesprochen: Ausgesprochen! Plakatkampagne an Wiener Schulen

Standard
Angesprochen: Ausgesprochen! Plakatkampagne an Wiener Schulen

Auch wenn der Anlass nicht brandaktuell ist, das Thema LGBTIQ an Schulen ist es allemal.

 

Die Hintergründe: Der Verein Ausgesprochen: Schwule, lesbische, bi, trans & inter Lehrer*innen in Österreich, hat eine Plakatkampagne entworfen. Die Plakatsujets, fünf an der Zahl, wurden in einer Auflage von 3500 Stück an 700 Wiener Schulen verschickt. Bereits letztes Jahr erarbeitet und angekündigt, wurde die Umsetzung in Folge zahlreicher Proteste verzögert, unter anderem vom Elternverband und dem katholischen Familienverband.

Es wurde unter anderem eine Petition mit dem Namen ‚Keine Gender-Indoktrinationsplakate in Wiener Schulen!‘ initiiert, die es schaffte fast 9.000 Unterschriften zu sammeln. Man warnt davor, dass durch die Kampagne „hinter dem Rücken der Eltern die Schüler sexualpädagogisch verwirrt und indoktriniert werden“. Es werde die „Idee des Gender Mainstreaming propagiert“.

Hierzu eine kurze Erläuterung: Die Plakate wurden an die Direktionen der 700 Schulen ausgeschickt, mit der Absicht vor allem Lehrer*innen für LGBTIQ Themen im Schulalltag zu sensibilisieren. Es unterliegt der Schulautonomie, ob und wie die Plakate in die Praxis einfließen, es besteht kein Zwang zur Umsetzung. Als Reaktion auf Kritik wurden Workshops für Lehrer*innen abgehalten, um die Sujets in einen Rahmen einzubetten und pädagogisches Werkzeug zu ihrer möglichen Umsetzung zu liefern.

Es ist problematisch wenn in diesem Kontext von „Propaganda“ und „Indoktrination“ gesprochen wird. Niemand wird zum Beispiel transident, wenn er* oder sie* in einem Workshop darüber lernt. Im besten Falle hilft es jungen Menschen, die so empfinden, dieses bereits vorhandene Gefühl zu benennen und sich selbst besser zu verstehen. Vielleicht kann es Leidensdruck lindern, Optionen aufzeigen, Wege bereiten zu einem glücklich(er)en Leben. Ganz sicher jedoch ist die Auseinandersetzung damit nicht die Ursache für das Gefühl.

Es geht nicht darum, etwas zu „bewerben“, nicht darum die Welt zu „homofizieren“ oder dergleichen. Vielmehr geht es darum, Realitäten zu benennen. Menschen, die (oft im Verborgenen) existieren, eine Stimme zu geben. Zu zeigen dass es „ok ist, so und so zu sein“. Nicht zu verwechseln mit „seid doch bitte auch so“. Klarer Unterschied.

Noch immer sind Selbstmordraten und psychische Krankheiten bei LGBTIQ Jugendlichen* bedeutend höher als bei ihren Altersgenossen*. Und NEIN, das ist nicht die Ursache für das Empfinden, sondern eine Folge von einer Reihen von Diskriminierungen. Das geht von nicht-gesehen-werden bis hin zu offener Gewalt. Mobbing von LGBTIQ Jugendlichen* ist Realität.

Es geht nicht darum, alles und jeden „toll“ zu finden. Es geht darum einen sicher(er)en Ort für unsere Kinder zu schaffen, wie auch immer sie fühlen, lieben und begehren mögen. Es geht um Respekt, um ein Miteinander, in dem Platz ist für Vielfalt. Große Worte. Kleine Taten wie die Plakatkampagne von Ausgesprochen: Ja bitte!

„Dürfen Behinderte Kinder kriegen?“

Standard

Diese Diskussion wird in ähnlicher Form und von unterschiedlichen Menschen mit ganz verschiedenen Argumenten geführt. Nicht zuletzt durch die Geschichte der Behinderung bzw. des Umgangs mit Beeinträchtigungen hat die Diskussion immer den Duft der Euthanasie und kaum jemand ist nicht darum besorgt, etwas wie „unwertes Leben“ auch nur zu denken. Es ist gut, richtig und auch notwendig, sich dieser Geschichte bewusst zu sein und die daraus entstandene Verantwortung nach wie vor zu tragen.

image

Auch die Betroffenen selbst leben – bewusst oder unbewusst – mit dieser Geschichte, nicht zuletzt jene, die schon zur älteren Generation zählen. Und so kommt es dann dazu, dass zwei sich im Gespräch unsicher sind: darf die das? Was passiert mit dem Kind? Wer verbietet das? Wer achtet auf das Kind? Wenn das Kind weggenommen wird, darf die Mutter das Kind sehen? Ist das Kind gesund oder krank?
Da viele Betreuer*innen in diesen Fragen unsicher sind, hier also eine kurze Zusammenfassung.

image

Österreich hat die UN-Konvention der Rechte von Menschen mit Behinderung 2008 ratifiziert und sich so verpflichtet, die Inhalte der Konvention umzusetzen. Darin ist geregelt, welche Rechte Menschen mit Behinderung in Zusammenhang mit ihrem Wohnort, der Arbeit und des Privatlebens haben.
In der Konvention ist klar festgehalten: Menschen mit Behinderung haben das Recht auf Familie, Familiengründung, auf Kinder, Partnerschaft und angemessene Unterstützung durch die jeweiligen Einrichtungen. Da hierzu auch die Familienplanung gehört, haben die Menschen auch das Recht auf selbst gewählte Verhütungsmaßnahmen und die dazu gehörenden Informationen.
Da es sich hier um international verbindliches Recht handelt, ist es auch einklagbar falls den Betroffenen das Recht vorenthalten wird. Glücklicherweise werden viele Betreuer*innen im Lauf ihrer Ausbildung oder in den jeweiligen Arbeitsstätten mit der Konvention konfrontiert.

image

Den gesamten Text kann man auf der Webseite des Sozialministeriums abrufen.
Hier auch in leichter Sprache.

image

Dallas Buyers Club

Standard

Ron (Matthew McConaughey) ist HIV-positiv und so genannter „late presenter“ (= jemand, bei dem erst sehr spät, meist im AIDS-Stadium festgestellt wird, dass HIV im Blut nachweisbar ist). Es ist 1985 und eine HIV-Diagnose bedeutet das Todesurteil. Ron ist zynisch, fast militant hetero und ein Rodeo-Fan. Er raucht, trinkt und konsumiert Koks, wahllose sexuelle ungeschützte Kontakte mit fremdem Frauen sind sein Alltag. Erst verzweifelt Ron, dann besorgt er sich Medikamente und als die ihn fast töten, besorgt er sich neue.

image

Er gründet einen Buyers Club, also eine Art Verein, der gegen eine monatliche Gebühr nicht-zugelassene Medikamente an andere HIV-positive Menschen verteilt. Auf dem Weg gewinnt Ron eine/n Freund*in namens Rayon (brillant: Jared Leto), neue Erkenntnisse und streitet mit der FDA. Eine befreundete Ärztin unterstützt ihn in seinen Vorhaben.

image

Basierend auf der wahren Geschichte von Ronald Woodroof (1950 – 1992), durch dessen Kampf die medikamentöse Therapie für HIV-positive Menschen eine wichtige Wendung nahm, erfährt man hautnah, wie real die Stigmation war (und ist), wie viele Vorurteile, wie viel Verzweiflung und wie viel Aussichtslosigkeit die Menschen erschütterte. Auch wenn nicht alle Aspekte der Realität entsprechen, macht das für die Geschichte keinen Unterschied.

image

Dieser Film ist ein Muss für jede*n, die/der sich für die Geschichte der Antiretroviralen Therapie und die emotionalen Hintergründe von Betroffenen interessiert!

Frauentag

Standard

Ich wurde schon oft in meinem Leben gefragt, ob ich Feministin bin. Früher dachte ich immer: nein, es ist doch alles gut wie es ist. Dann wurde ich auf die Genderdebatte aufmerksam und wieder dachte ich: es passt doch alles, was soll der Aufstand?

 

1293383161165

 

Im Lauf der Jahre wurde ich dann gar nicht mehr gefragt, sondern immer wieder sagten einige: du bist Feministin und ich sagte: ah ja? Wie kommst du darauf? Und dann wurde erwidert, dass ich ja der Prototyp einer Frau sei, die für ihre Rechte kämpft und mein Grundsatz war tatsächlich immer: was soll das Geheule, einfach auf die Hinterhaxen stellen und kämpfen. Einfach tun, was man selbst will.

 

So ähnlich lief das bei mir auch mit dem „Gendern“, also das Binnen-I anzuwenden. Nur war ich damals nicht mal 20. Es gab einen jungen Mann in der Jugendorganisation, für die ich damals aktiv war und obwohl wir uns nicht gut kannten und er auch schon viel zu früh starb, hat er mich massiv beeinflusst. Er hieß Gregor und die, die ihn kennen, wissen, dass wahr ist, was ich jetzt schreibe: Gregor war ein toller Kerl und eine echte Zukunftshoffnung. Er ging viel zu früh. Auf seinem Begräbnis waren 300 Leute … jedenfalls hat dieser Mann mich in vielen Gesprächen schlussendlich davon überzeugt, dass Gendern nicht nur ok ist, sondern wichtig. Und weil er sich so viel Zeit genommen hat und so viel Geduld hatte, mit mir sturem Menschen zu diskutieren, deswegen gendere ich heute gerne und hab das Konzept im Lauf der Zeit auch erweitert.

feminismus_symbol_postkarten-rc456a87e47c94b379b37d8d4a4c40bd8_vgbaq_8byvr_512

Inzwischen stört mich ein großes I sogar, ich finde es ignorant und dass es nicht weit genug geht. Ich schreibe Sternchen und dann in oder innen oder so. Und was dazu gekommen ist, womit wir wieder beim Frauentag wären: mir persönlich hat das Gendern wirklich geholfen, Frauen anders wahrzunehmen und auch die bestehende Diskriminierung, die in so vielen Bereichen durch unfassbar viele Studien und Untersuchungen festgestellt und bewiesen wurde. Ich bestreite heute, nach so vielen Jahren der Reflexionen, der Diskussionen und der Auseinandersetzungen nicht mehr, dass Frauendiskriminierung Alltag ist. Ich bestreite nicht mehr, dass das zweigeschlechtliche Normativ genauso schädlich ist wie die durch Heteronormativität begünstigte Homophobie.

10922

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: jede Person, der auffällt, dass etwas schief läuft, die MUSS sich rühren, die MUSS was ändern, die MUSS dagegen arbeiten. Keiner kann alleine eine Revolution starten, glaubt man jedenfalls. Aber was ich leisten kann, das leiste ich und ich gebe weiter, was ich denke und setze damit einen Samen in eine Erde, die vielleicht nicht fruchtbar ist, noch nicht jedenfalls, und sie wird weiter gegossen, von mir und anderen und dann steht da irgendwann ein Baum oder eine Blume und mit der Zeit haben wir eine wunderschöne Wiese, einen stabilen Wald vielleicht. Und natürlich gibt es Wilderer und Umweltzerstörer. Aber wenn immer wieder neue Samen, neue Pflanzen nachkommen, dann übersteht der Wald vielleicht auch noch andere Angriffe.

 

FSE002

 

In diesem Sinn: schönen Internationalen Frauentag euch allen!

 

Frauentag_1914_Heraus_mit_dem_Frauenwahlrecht

Outings und andere Rechte

Standard

Da war ja was los in letzter Zeit! Der Ex-Fußballprofi Thomas Hitzelsberger hat sich geoutet,

ein berühmter Footballspieler namens Michael Sam ebenso und nun auch die Schauspielerin Ellen Page.

Das GQ-Magazin Deutschland hat eine ganze Kampagne gestartet, sie heißt Mundpropaganda:

mundpropaganda-johannes-strate-und-jakob-sinn-von-der-band-revolverheld

In Österreich müssen Samenspenden für lesbische Paare in absehbarer Zeit zugelassen werden, die Stiefkindadoption für gleichgeschlechtliche Paare ist bereits durch. In Deutschland und Australien wird eine neue Geschlechtskategorie eingeführt, wenn das Kind intersexuell zur Welt kommt. Es gibt Massenproteste gegen eine Verschärfung von Abtreibungsgesetzen in Spanien, in Schottland wird die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet. Massenproteste in Frankreich können die Einführung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare nicht aufhalten.

Kurz: es tut sich was im Bereich Sexualität und Gleichberechtigung. Aber warum? Warum jetzt? Die Theorie dahinter: Menschenrechte haben plötzlich mehr Gewicht. Einfach, weil darüber gesprochen wird, weil darüber gesprochen werden kann, darf und soll! Die Gender- und Homosexualitätsgedanken sind im Alltag, im Mainstream angekommen und plötzlich denken viele Leute darüber nach, was sie bisher verdrängt oder ignoriert haben: dass sie vielleicht nicht so eindeutig zuzuordnen sind in unserem zweigeschlechtlichen System oder der hetero-normativen Gesellschaft. Und genormt sein, das will kaum jemand. Dazu gehören, das wollen alle, aber nicht mehr um jeden Preis und nicht mehr um den Preis der Selbstverleugnung. Authentizität ist das neue Must-Have. Das jedenfalls ist meine Hoffnung.

Was denkt ihr darüber? Kommt jetzt eine Welle an Gleichberechtigung auf uns zu oder ist das nur ein kurzes Aufflackern von Menschenrechten, bevor alles wieder zerstört wird?

Erste Male

Standard

Unser gesamtes Leben und daher auch unser gesamtes Sexualleben sind erfüllt und geprägt von “ersten Malen”. Das erste Mal lachen, stehen, laufen, aufs Klo gehen, selbst duschen und Zähne putzen, der erste Streit – das erste Nein! – das erste Mal den eigenen Körper berühren, das erste Mal die Spannung und die Aufregung bei der Selbstbefriedigung. Die erste Verliebtheit, der erste Kuss usw. und dann, worauf die meisten Teenager sehr aufgeregt warten: das erste Mal. Das berühmte erste Mal Sex. Was wir da schon längst vergessen haben, ist, dass wir schon hunderte erste Male hinter uns haben und machen daher um diesen Augenblick einen sehr großen Tamtam. Nicht, dass es nicht gerechtfertigt wäre, ganz und gar nicht: aber ist nicht jedes erste Mal etwas Besonderes?

https://i2.wp.com/www.planet-wissen.de/natur_technik/haustiere/huehner/img/portraet_kueken_ei__dpa_g.jpg

Die Fragen, die sich um das erste Mal drehen, sind seit Jahrzehnte (oder sogar Jahrhunderten, aber damals wurden sie nicht offen gestellt) die gleichen: wird es wehtun? Was, wenn ich keine Höhepunkt habe? Wird es bluten? Was, wenn ich zu schnell komme? Was, wenn das Kondom reißt? Was, wenn meine Eltern uns erwischen? Werde ich blöd aussehen? Muss ich laut sein, damit es „gut“ ist? Was, wenn ich nicht „gut“ bin? Und: werden wir uns danach wiedersehen? Das alles und noch viel mehr gehört zu den Fragen, Sorgen, Ängsten und Aufregungen von Jugendlichen in sexualpädagogischen Workshops. Sexualpädagogen sind ausgebildet, um Jugendlichen diese Ängste soweit wie möglich zu nehmen und das ist auch ihre Aufgabe.

Dann sind wir also erwachsen, das erste Mal ist geschafft, vielleicht geht diese Beziehung in die Brüche und als Erwachsene stehen wir dann, ohne es zu wollen, vor ganz ähnlichen Fragen, sobald es eine neue Person im Leben gibt: was, wenn ich nicht „gut“ bin? Was soll ich nur machen, wo soll ich nur hin greifen? Und diese Aufregung ist der vom ersten Mal gar nicht unähnlich.

Mit diesen Ängsten kommen Menschen nicht oder eher selten in die Beratung, sie gehen damit zu Freunden und hoffen, Antworten zu kriegen. Diese können oft auch nicht viel sagen, denn schließlich haben sie diese Ängste auch. Der häufigste Ratschlag, den man in solch einer Situation bekommt, sofern man eben diese Ängste und Befürchtungen aussprechen kann, lautet: tu, wonach dir ist. Das ist richtig und auch gut gemeint. Aber wer kann so einen schwammigen Ratschlag wirklich umsetzen? Deswegen werde ich hier den Versuch starten, diesen an sich sehr guten Hinweis etwas präziser zu formulieren.

Versetzen Sie sich in die Situation, vor der Sie Angst haben, als Beispiel nehmen wir jetzt mal, dass man jemanden kennen gelernt hat und es knistert schon eine Weile und weil die Andeutungen immer klarer und konkreter werden, rechnen Sie damit, dass „es“ nun bald passieren könnte: der erste Kuss oder der erste Sex oder alles auf einmal. Wenn Sie sich aussuchen könnten, wo all diese Dinge geschehen, wo wären Sie dann? Bei sich daheim? Oder beim Gegenüber? Wären Sie gern in einem Park oder in einem Lokal? Im Taxi womöglich? Oder im Hotel? Wenn Sie diese Frage für sich beantwortet haben, wissen Sie vermutlich schon, wovor Sie sich konkret fürchten und können sich leichter damit auseinandersetzen.

Okay, also Sie sind jetzt mit der Person Ihrer Wahl an einem Ort Ihrer Wahl und der erste Kuss steht kurz bevor. Möchten Sie die Initiative ergreifen oder lieber abwarten? Haben Sie vielleicht das Gefühl, Sie sollten die Initiative ergreifen? Bedenken Sie, dass niemand Sie dazu zwingen kann und etwas mehr Knistern hat noch keinem sexuellen Verhältnis geschadet. Etwas zu warten, könnte das ganze also sogar etwas anheizen. Sie müssen sich keinen Plan machen: ich fange an oder ich warte ab. Versuchen Sie sich vorzustellen, wie dieser erste Kuss geschieht – und beobachten Sie, was genau Sie da eigentlich machen: sind Sie aktiv? Oder eher zurückhaltend? Mit dieser recht konkreten Vorstellung können Sie in sich etwas Sicherheit für den fragilen Moment der ersten Berührung von zwei einander fremden Lippenpaaren finden. Versuchen  Sie, sich an diesen Vorstellungen „anzuhalten“, zu orientieren, wenn Sie so wollen, allerdings nur unter einer Bedingung: wenn diese Vision sich gut angefühlt hat. Das wissen Sie, auch wenn Sie etwas unsicher sind und ein heißer Tipp ist: das, was Sie sich ausgedacht haben, entspringt ihren ganz konkreten Wünschen! In der Realität ist alles etwas sanfter, meistens jedenfalls und manchmal ist es auch viel aufregender als in der Vorstellung.

Na gut, der erste Kuss – und jetzt? Das ist der zweite, wirklich große Schritt. Wie gelangt man vom Knutschen ins Rummachen? Das mit solch klaren Worten auszudrücken, mag gewagt erscheinen – aber seien  Sie ehrlich: denken Sie nicht so oder so ähnlich? Wie setze ich den nächsten Schritt? Dazu eine Sache: Sie müssen ja nicht weitergehen, wenn Ihnen das Unbehagen bereitet. Niemand sagt, Sie müssen gleich „das volle Programm“ durchziehen oder im Gegenteil gleich aufspringen und davon laufen. Wenn Sie unruhig werden, machen Sie einfach eine Pause. Lassen Sie die Augen zu, bleiben Sie in der Nähe der Person, die Sie gerade geküsst haben und warten Sie. Schnaufen Sie durch. Das ist eine heiße Sache, hoffentlich jedenfalls, und Dinge zu überstürzen bringen selten etwas. Danach können Sie viel ruhiger weitermachen.

Viele fragen: was mach ich mit meinen Händen? Das ist eine gute Frage und ich würde sagen: das kommt darauf an, was Sie für diese Person empfinden. Beobachten Sie an sich, wohin gehen meine Hände automatisch, ohne, dass ich es plane, wenn wir uns küssen. Wenn Sie die Person sanft im Gesicht halten, haben Sie sich vermutlich verliebt. Die Hand am Nacken: Sie begehren diese Frau oder diesen Mann sehr. In intimeren Bereichen wie Brust, Hüfte, Geschlechtsorgane: sehr starkes Begehren, aber vielleicht ein Schritt zu viel beim ersten Kuss. Ein guter Tipp sind die Beine. Leicht auf die Oberschenkel legen und wenn etwas Gutes passiert, erhöhen Sie den Druck ganz automatisch. Im Zweifelsfall lassen Sie die Hände so liegen, dass es für Sie bequem ist. Das funktioniert fast immer, außer natürlich, Sie küssen sich gerade im Regen und Sie halten den Schirm. Allerdings müssen Sie dann nicht darüber nachdenken, wohin mit den Händen.

Wenn Sie es so weit geschafft haben und dabei noch immer spüren: das mag ich, das fühlt sich gut an, das ist mir zu steil oder zu viel oder zu wenig, ich bin erregt (oder eben auch nicht!) – dann schaffen Sie den Rest des Weges vermutlich alleine, das schließt auch ein, dass Sie gehen, wenn es sich falsch, zu schnell oder sonst wie seltsam anfühlt. Das ist nicht leicht, Sie mögen diese Person, die Sie gerade geküsst haben, wahrscheinlich und möchten Sie nicht verletzen. Seien Sie einfach diplomatisch, aber bitte keine Phrasen à la „Ich muss morgen früh auf.“ – Sie können ja ruhig die Wahrheit sagen: „Das geht mir zu schnell“ oder was auch immer die Wahrheit für Sie in diesem Moment ist. Und wissen Sie, was?  Sie sind ja nicht allein! Da ist noch eine zweite Person, Sie sitzt/steht/liegt gleich da, neben/auf/unter Ihnen – und die ist genau so nervös wie Sie – und auch sie entscheidet sich jede Minute für diese Situation oder eben dagegen.

PS: Es schadet nicht, der Person, die man gerade küsst, zu sagen, dass man aufgeregt ist. Solche einfachen Sätze können die ganze Situation entspannen. Sie dürfen artikulieren, dass Sie nervös sind und die Chance, dass das Gegenüber dieses Eingeständnis als Schwäche interpretiert, tendiert gegen Null. (Falls die Person es wider Erwarten doch tut, sollten Sie sich überlegen, ob das ein Mensch ist, mit dem Sie einen Schritt weitergehen möchten)

kleiner Nachtrag: beim Recherchieren für passende Bilder zu diesem Blog hatte ich noch eine kleine Erkenntnis. Warum sind wir denn so aufgeregt, wenn wir etwas Neues tun? Jemand Neuen treffen? Einfach, wenn etwas sich plötzlich ändert? Mir kam dann das schlüpfende Küken unter und ich dachte: ahja, das ist es also! Wir verlassen unsere „comfort zone“ – das klingt jetzt wie „no na“, aber wenn wir uns das tatsächlich überlegen: was bedeutet es, etwas zu tun, das uns nicht vertraut ist? Dann fühlt es sich fremd an. Und fremd, das ist gefährlich. Jedenfalls, wenn es nach unserem Hirn geht, das sich an festen Abläufen orientiert und auch versucht, solche Abläufe herzustellen. Noch ein Erbe unseres Urhirns. Als wir noch nicht in Zivilisationen lebten (oder in dem, was wir heutzutage als solche bezeichnen), sondern Nomaden waren und mit wilden Tieren zu kämpfen hatten, also kurz, in prähistorischer Zeit, da war Sicherheit alles. Wo krieg ich was zu essen, wie flüchte ich vor dem Bison, wie hab ich es warm und trocken? Wie krieg ich meine Kinder durch’s erste Lebensjahr? Welche Pflanze darf ich essen usw. usf. Und da hat es sich etabliert: was der Bauer net kennt, frisst er net. Ist ein blödes Beispiel, bringt aber unser Schutzbedürfnis ziemlich gut auf den Punkt. Vielleicht würde es uns also helfen, wenn wir die Nerven wegwerfen, uns zu sagen: du lebst nicht in der Wüste. Dich bringt es nicht um, wenn du jetzt scheiterst. Und wer weiß, vielleicht kapiert unser Hirn das auch irgendwann.